OSTVIERTEL.MS

Dr. Sommer in der Schule

Sexualkundeunterricht ist seit dem Jahr 1968 in der Unterrichtsplanung der Schulen in Deutschland angesiedelt. Seit den 1980er-Jahren ist auch das Thema sexuelle Infektionen fester Bestandteil des Lehrplans. Oftmals können im Unterricht nicht alle wesentlichen Themen beleuchtet werden, weil die Lehrerinnen und Lehrer nicht ausführlich genug vorbereitet sind oder sich überfordert fühlen.
Damit die Kinder trotzdem ausreichend über das Thema Sexualität aufgeklärt und begleitet werden, wurde das Projekt Liebesleben gegründet.
Ich spreche im folgenden Interview mit dem Diplom-Sozialpädagogen und Sexualpädagogen Alexander Daum, der das Projekt Liebesleben leitet und mit seinem Team durchführt.
Das Projekt Liebesleben soll Kinder und Jugendliche über Sexualität aufklären und ihnen eine Stütze sein.

Was bedeutet das Projekt für Sie als Projektleiter?

Das Projekt Liebesleben ist ein sexualpädagogisches Aufklärungsprojekt, das es seit 1988 gibt. Es ist in Münster angesiedelt, wird aber in Schulen im Kreis Steinfurt in unterschiedlichen Jahrgängen durchgeführt. Zu Beginn des Projektes handelte es hauptsächlich vom Thema HIV und AIDS, heutzutage ist es jedoch ein klassisches Aufklärungsprojekt.

Zusätzlich bezieht es auch die neuen Medien mit ein, zum Beispiel Sexting und Pornographie. Dies sind dann auch Themen, die wir mit den Jugendlichen besprechen. Es sind insgesamt 30 Schulen, die dieses Projekt anbieten. Insgesamt gehen 3000 Jugendliche pro Jahr durch das Programm, meistens sind das achte und neunte Klassen. Wir sind meistens 5 Schulstunden vor Ort, oftmals in der zweiten bis zur sechsten Stunde. Zu Beginn gibt es einen gemischtgeschlechtlichen Teil, anschließend wird die Gruppe in Jungs und Mädchen aufgeteilt. Bei diesem Teil können sie dann Fragen stellen, die ihnen auf der Seele brennen. Egal, ob es um irgendwelche körperlichen Veränderungen geht, das erste Mal oder ob Fragen zum Thema Lesbisch- oder Schwulsein aufkommen.

Das Projekt wird von der Arbeiterwohlfahrt organisiert. Sind Sie für die Schulbesuche hauptverantwortlich oder gibt es eine Gruppe, die es durchführt?

Das ist ein hauptamtliches Projekt der Arbeiterwohlfahrt in Kooperation mit der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle des Kreises Steinfurt und dem deutschen Kinderschutzbund in Rheine. Wir sind ein Team von neun Leuten, die sich die Schultermine aufteilen und je nachdem in Männer- oder Frauenteams zu zweit das Projekt durchführen.

Ein Teil des Teams bei einem Unterrichtsbesuch (Foto: Daum)

In dem Projekt wollen Sie die Kinder über Sexualität aufklären, welches konkrete Ziel wollen Sie jedoch längerfristig mit diesem Projekt erreichen?

In der heutigen Zeit sind die Jugendlichen zwar ziemlich fit in den digitalen Medien, werden aber oft damit alleine gelassen. Sie kennen sich zum Beispiel besser bei Instagram aus und bekommen bei YouTube ihre Informationen von irgendwelchen Influencer*innen. Dort wird jedoch nicht ausführlich über solche Dinge gesprochen. Oder sie bekommen, gewollt oder ungewollt, bei WhatsApp pornografische Inhalte zugeschickt. Danach wird aber nicht darüber geredet, obwohl man zum Teil sehr, sehr schlimme Dinge sehen kann. Ob es Gewaltpornografie ist oder sexuelle Spielarten, die man im jugendlichen Alter noch nicht sehen sollte. Die Jugendlichen sind danach teilweise verstört. Wenn sie jedoch merken, dass man uns da vertrauen kann, hören wir zu und können auch auf einiges reagieren. Wir lassen sie damit nicht alleine. Wir sind ja auch nur einen einzigen Tag da und machen das im Rahmen der Schweigepflicht. Klassische Fragen wie bei Dr. Sommer gibt es natürlich immer noch. Aber mittlerweile kommen durch die digitalen Medien auch andere Fragen dazu. Natürlich sollte das auch im Unterricht stattfinden. Was es leider nicht tut, denn es ist immer noch ein Tabuthema. Für einige Lehrer*innen ist es auch schwierig, sich vorne hinzustellen, weil man vielleicht Angst hat, dass komplexe Fragen kommen, auch über die eigene Sexualität. Einige Schulen freuen sich darüber, dass wir da sind. Wir machen es gerne, trotzdem soll es nur eine Ergänzung zu dem herkömmlichen Sexualkundeunterricht sein. Wir bringen auch noch das Thema sexuelle Lust mit ein, was nicht unbedingt im Curriculum enthalten ist. Aber auch das Thema LSBTI (Homosexualität) taucht höchstens dann auf, wenn es um Infektionskrankheiten geht.
Ansonsten findet das Thema im Unterricht noch nicht statt, auch nicht in den Büchern. Wir sind meistens die Ersten, die diese Themen ansprechen.

Gibt es die Möglichkeit, sich nach dem Projekt für ein Einzelgespräch bei Ihnen zu melden?

Ja, das geht auf jeden Fall! Wir lassen sie nicht alleine. Wir sind auch bei YouTube, Facebook und Instagram mit Projekt Liebeslebenzu erreichen. Dort schreiben auch viele mit uns. Erst diese Woche kam es dazu, dass mich ein junger Mann, der zuvor an unserem Projekt teilgenommen hatte, kontaktiert hat. Er hatte Schwierigkeiten beim ersten Mal. Wir sind das dann ausführlich durchgegangen und konnten es gemeinsam analysieren.
Jetzt ist er auch viel gelassener für das zweite Mal. Da merke ich dann, dass die Teilnehmer*innen sich trotz der kurzen Zeit an uns wenden und uns in bestimmten Situationen und Lebenskrisen vertrauen.

Alexander Daum vom Projekt Liebesleben mit einer Schulklasse (Foto: Daum)

Ist Liebesleben ein Langzeitprojekt, und wie lange besteht es schon?

Es ist ein unbefristetes Projekt. Mittlerweile haben die Schulen das Projekt so in ihren Lehrplan integriert, dass es gar nicht mehr aus dem Plan wegzudenken ist. Es ist auch auf den Homepages der Schulen vermerkt.
Schon seit 31 Jahren gibt es das Projekt, und es wird wahrscheinlich auch noch lange weitergeführt werden.

Vielen Dank an Alexander Daum für das Gespräch und die Bilder!

Susanna Borchardt-Ott

Kommentar hinzufügen