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Can I feel the love today?

Was manche für ein selbstverständliches Kulturgut halten, ist mir lange verschlossen geblieben. Die großen Disney-Zeichentrickfilme, mit denen viele meiner Altersgenoss*innen und spätere Generationen aufgewachsen sind, gingen an mir komplett vorbei. Daher wage ich jetzt ein Selbstexperiment und versuche, diese Wissenslücken endlich zu stopfen. Doch kann man die Filme tatsächlich noch genießen, wenn man schon erwachsen ist und der Nostalgie-Faktor komplett fehlt? Wirkt der Zauber des “Magic Kingdom” noch genauso gut, wenn man ihn erst tief in den Dreißigen erfahren möchte? Ein Erlebnisbericht…

Kennt Ihr diesen Satz, “Ich wünschte, ich könnte den Film noch einmal zum ersten Mal sehen”? Ich lebe den Traum, Baby!

In den letzten zehn Tagen habe ich mir erstmals die großen Disney-Zeichentrickfilme der 1990er Jahre angesehen — also jene Filme, die rückblickend für die so genannte Disney-Renaissance verantwortlich waren. Was viele angesichts seiner heutigen Marktstellung nämlich vergessen: Mitte der 1980er Jahre stand der Disney-Konzern mit dem Rücken zur Wand. An die früheren finanziellen Erfolge aus den vergangenen Jahrzehnten hatte man über längere Zeit nicht anschließen können, renommierte Zeichner*innen verließen das sinkende Schiff, zeitweise drohte gar eine feindliche Übernahme. Diese Vorstellung erscheint schon ziemlich lächerlich, wenn man sich ansieht, wo der Konzern nur zehn Jahre später stehen sollte, welche Macht er heute besitzt und welche großen Namen er sein Eigen nennt, Stichwort: Star Wars, Marvel und Fox. Und ein Film sollte damals die Wende bringen: “Arielle, die Meerjungfrau” (OT: “The Little Mermaid”, 1989) war der Kinohit, den Disney so lange gebraucht hatte und der nun das nötge Geld in die Kassen spülte, um den Laden am Laufen zu halten. Die 1990er Jahre sollten für Disney mit Filmen wie “Aladdin” (1992), “Der König der Löwen” (OT: “The Lion King”, 1994) oder “Tarzan” (1999) ein goldenes Zeitalter werden. Kinoerfolg reihte sich an Kinoerfolg, und es entstanden Zeichentrickfilm-Klassiker, die zahllose Menschen weltweit in den Kinos sahen und später auf Videokassette kauften und deren Filmmusiken und Merchandise-Artikel reißenden Absatz fanden. Um es aber einmal nicht auf die finanziellen Erfolge zu beziehen: Millionen von Menschen sind (auch später noch) mit den Disney-Zeichentrickfilmen dieser Zeit aufgewachsen und haben sie in liebevoller Erinnerung behalten.

Ich nicht.

Die Anti-Haltung eines Besserwissers

Um es vorweg zu schicken: Als ich klein war, habe auch ich Zeichentrick geliebt und bin auch nicht komplett ohne Disney groß geworden. Ich schaute sehr gern die klassichen Cartoons mit Mickey Mouse, Goofy und Donald Duck. Und als Disney (übrigens z.T. aus der damaligen finanziellen Not heraus) begann, TV-Serien wie “DuckTales” (ab 1987), “Chip und Chap – Die Ritter des Rechts” (OT: “Chip ‘n Dale: Rescue Rangers”, ab 1989) und “Darkwing Duck” (ab 1991) zu produzieren, war ich im besten Alter dafür und habe auch diese Serien verschlungen. Hätte ich die Kinofilme damals wirklich sehen wollen, hätte ich gedurft. Ich wollte aber nicht.
Dafür gab es mehrere Gründe. Zunächst waren da meine Eltern, die keinen Hehl daraus machten, dass sie nicht besonders viel von den Filmen (und Disney generell) hielten. Sie empfanden es als falsch, wie die Filme die jeweiligen Märchen-, Sagen- oder Romanvorlagen verfremdeten und z.T. deren ursprünglichen Aussagen und Erzählungen komplett umkehrten, um sie vermeintlich kindgerecht zu machen. Als notorischer Besserwisser war ich schon im Kindesalter nur zu gern bereit, ihre Kritik nachzuplappern und alle Disney-Fans wissen zu lassen, dass die originalen Märchen von der Kleinen Meerjungfrau (Autor: Hans Christian Andersen, 1837) oder von Aladin und der Wunderlampe (vielleicht aus 1001 Nacht, 3. Jh.) ja ganz anders seien und Disney nur blöde Kopien mache. Dass ich nicht eins der Märchen, nicht eine der Sagen und nicht einen der Romane kannte, auf denen die Filme beruhten, war mir beim Rechthaben egal. Die soziale Isolation, die damit einhergeht, wenn man solche Großereignisse auslässt, offenbar auch…
Als nächstes waren da die Lieder: Ich hasste es schon als Kind, wenn in Filmen plötzlich gesungen wird. Die großen Erfolge unter den Disney-Zeichentrickfilmen waren aber schon immer die Mischungen aus Handlung und Musical. Und Musical, diese amerikanischste aller Formen des Entertainments, ist noch heute nichts, womit ich irgendetwas anfangen könnte.
Ein weiterer Grund für meine Abneigung waren die Liebesgeschichten, die sich in jedem einzelnen dieser Filme finden und die häufig die zentrale Handlung bestimmen. Liebesgeschichten fand ich als Kind uninteressant, oder schlimmer noch: Romanzen, wie sie sich um Arielle oder Belle (aus “Die Schöne und das Biest”; OT: “Beauty and the Beast”, 1991) und ihre jeweiligen Princes Charming entwickelten, waren mir peinlich und unangenehm.
Mit der Zeit und bis zuletzt entwickelten sich in mir neue Gründe, warum ich die Filme nicht sehen wollte: Eine Anti-Haltung zum Herdentrieb (Don’t Believe the Hype!), Ablehnung des Kommerzes und mit zunehmendem sozialen und politischen Bewusstsein dann auch Bedenken, was z.B. latenten (oder offensichtlichen) Rassismus oder die Rolle der Frau in den Filmen betrifft. Außerdem fehlte mir selbstverständlich auch das, was viele dazu bewegt, sich die Filme immer wieder anzusehen: Nostalgie.

Gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, etwas verpasst zu haben: Ich konnte nicht mitreden oder Anspielungen verstehen. Ein bedeutender Teil der Popkultur war mir fremd. Also habe ich nach dem Europa-Start des Streamingdienstes Disney+ Ende März beschlossen, diese Wissenslücken endlich zu stopfen. Innerhalb von kürzester Zeit zog ich mir neun Filme rein, die man dafür meiner Meinung nach gesehen haben muss: “Arielle, die Meerjungfrau”, “Die Schöne und das Biest”, “Aladdin”, “Der König der Löwen”, “Pocahontas” (1995), “Der Glöckner von Notre Dame” (OT: “The Hunchback of Notre Dame”, 1996), “Hercules” (1997), “Mulan” (1998) und “Tarzan”. In loser Reihenfolge und wie ich gerade Lust hatte.

 

 

Wirkt die Heldenreise?

Man kann sagen, meine Experiment verlief wechselhaft. Das ist natürlich nicht überraschend, es war logisch, dass mir einige Filme wahrscheinlich besser gefallen würden als andere. Alles in allem fühlte ich mich gut unterhalten, und ich war von manchen der Filme wirklich positiv überrascht, durch andere musste ich mich aber auch stärker als erwartet hindurchschleppen. Was wahrscheinlich nicht nur auffällt, wenn man sie sich in so komprimierter Form ansieht wie ich, sind die gemeinsamen Elemente und Muster, die zu großen Teilen dem Erzählkonzept der Heldenreise entsprechen. Als Held oder Heldin eines Disney-Films trägst du das Herz am rechten Fleck; du hast große Träume, aber Schwierigkeiten, deinem Leben eine echte Richtung zu geben; du hast Eltern (bzw. aus irgendeinem Grund meist nur einen Vater), die zwar das Beste für dich wollen, deiner Entwicklung und deinen Träumen aber im Wege stehen und von denen du dich deshalb emanzipieren musst; du lernst auf deinem Weg, deine Fehler zu überwinden oder zumindest mit ihnen ins Reine zu kommen; als Verkörperung des Guten hast du dich dem Bösen entgegenzustellen und es am Schluss zu besiegen; du hast lustige, meist tierische Sidekicks, die auch in den düstersten Momenten als Comic relief funktionieren; unterwegs hast du dich unsterblich zu verlieben und am Ende endlich die Liebe deines Lebens zu küssen; und ach ja: nebenbei das Singen nicht vergessen!

Das mag alles etwas abwertend klingen, letztlich muss man aber zugsetehen, dass das Konzept funktioniert. Never change a winning team! Und vielleicht gerade weil Disney seinem halbwüchsigen Stammpublikum in diesen Filmen nicht zuviel abverlangte, ging das Rezept auf, und der Zauber konnte wirken, obwohl man letztlich nur immer dieselbe Geschichte vor verschiedenen Hintergründen erzählte. Es war eben eine einfache Geschichte, mit der sich alle gut identifizieren konnten.

Wie sieht es aber jetzt mit meinen Vorurteilen aus? Haben sie sich bestätigt, oder hat mich Disney eines Besseren belehrt?

Verstümmelte Märchen?
Der einzige der neun Filme, der nicht auf bereits vorhandenem Quellmaterial basiert, ist “Der König der Löwen”. Das mag dazu beigetragen haben, dass mir das Savannen-Drama wohl am besten von allen Filmen gefallen hat. Ja, die Stories sind zum Teil schon arg verfremdet. Aber hier muss ich zugeben: Was an einigen Stellen nicht so gut gelungen ist, funktioniert an anderen hervorragend. Während zum Beispiel “Arielle, die Meerjungfrau” aus einem eher düsteren und tragischen Märchenstoff eine für meinen Geschmack viel zu zuckersüße Romanze macht, schafft es “Hercules”, der Sagen-Geschichte aus dem alten Griechenland durch die Änderungen neues Leben einzuhauchen. Ich hatte nicht damit gerechnet, “Hercules” zu mögen, aber dieser Film hat für mich funktioniert, gerade weil er es mit seinem Quellmaterial nicht ganz so genau genommen hat. Als einziger der Filme, der auf einer historischen Person beruht, sticht “Pocahontas” für mich aber als absolutes Negativbeispiel heraus. Wenn man (kreative Freiheiten vorbehalten) eine wahre Geschichte erzählen will, ist man seinem Quellmaterial gegenüber dann doch so verpflichtet, dass man die Geschichte nicht vollkommen umschreibt. Das ist bei “Pocahontas” aber leider bis zur Unkenntlichkeit geschehen.

Nervige Lieder?
Ich bin nach wie vor kein Fan des unvermittelten Gesangs im Film. Was ich zugestehen muss, ist, dass einige der Musiknummern mit den optisch beeindruckendsten Sequenzen des gesamten jeweiligen Films verbunden sind. Wenn außerdem das Lied dazu benutzt wird, die Handlung voranzutreiben (z.B. in Form einer Zeitraffer-Montage wie in “Der König der Löwen” oder “Tarzan”), hat es in meinen Augen eine gewisse Berechtigung. Wenn die Aussage aber nur lautet “Ich finde das Dorfleben scheiße” oder “Ich bin der Bösewicht und finde mich geil” (beide aus “Die Schöne und das Biest”), dann gibt mir das zu wenig Grund, um mit der Musiknummer etwas anfangen zu können. Und auf die Lieder aus “Tarzan”, die noch nicht einmal von den Filmcharakteren, sondern aus dem Off von Phil Collins gesäuselt wurden, hätte man für meinen Geschmack besser auch verzichtet. Phil Collns mag da anderer Ansicht sein…

Hoffnungslose Romantik?
Da ich nun meine kindlichen Berührungsängste hinter mir gelassen habe, war ich gespannt, ob mir die Liebesgeschichten nun gefallen oder doch eher auf den Geist gehen würden. Im Ergebnis eher das Letztere. Die Filme, die vor allem als Romanzen konzipiert sind (“Arielle, die Meerjungfrau”, “Die Schöne und das Biest”, “Pocahontas”), haben mich kalt gelassen, und ich hatte z.T. noch ganz andere Bedenken dabei (dazu gleich mehr). Bei anderen Filmen habe ich mich gefragt, ob die jeweilige Liebesgeschichte überhaupt einen Mehrwert hat — im Fall von “Der König der Löwen” und “Mulan” bin ich zum Beispiel nicht der Ansicht, dass die Filme irgendetwas verlören, wenn man auf die Liebesgeschichten verzichtet hätte. Wüsste man nicht, worauf es hinausläuft, würde sich einem oft nicht unmittelbar erschließen, dass sich die beteiligten Charaktere überhaupt verliebt haben. In “Der König der Löwen”, “Mulan” und “Arielle, die Meerjungfrau” wird daher auf Nummer Sicher gegangen, und dritte Charaktere lassen es das Publikum explizit wissen. Auf der anderen Seite fand ich in “Hercules” und “Aladdin” die Charaktere und bei “Der Glöckner von Notre Dame” zusätzlich die Dreiecksgeschichte interessant genug, dass die Liebesgeschichten für mich funktioniert haben.

Alles nur Kommerz?
Ach ja, selbst wenn! Was diese Bedenken und meine frühere generelle Anti-Haltung betrifft, bin ich jetzt von meinem hohen Ross weitestgehend abgestiegen. Ich habe mir die Filme einigermaßen als das ansehen können, was sie sind, und nicht mehr nur als das, was sie für mich lange repräsentiert haben.

Zweifelhafte Werte?
Nun, das ist ein wichtiger Punkt, mit dem ich eigentlich einen eigenen Artikel füllen könnte! Aber ich fasse mich kurz. Nicht erst in einer Welt “nach” #MeToo fällt es mir schwer, mich auf die Stockholm-Syndrom-geschwängerte Romanze “Die Schöne und das Biest” oder die rein auf Äußerlichkeiten basierende Liebesgeschichte zwischen Arielle und ihrem Prinz Eric einzulassen. Man mag da noch so sehr argumentieren, dass die Geschichten doch in lang vergangenen Zeiten spielen, aber die Rolle der Frauen ist in manchen der Filme schon wirklich kaum hinnehmbar, und wohl die wenigsten davon würden den so genannten Bechdel-Test bestehen. Ein klares Ausrufezeichen sollte da zum Ende des Disney-Jahrzehnts wohl auch “Mulan” setzen, dessen Grundaussage ist: Frauen können das sehr wohl! Für mich ist das immerhin ganz okay gelungen.
Wie erwartet übel stieß mir in einigen Filmen die zwar lustig gemeinte, letztlich aber doch zumindest latent rassistische Darstellung ihrer Figuren auf. Beispiele hierfür sind der französische Chefkoch in “Arielle, die Meerjungfrau” oder die verschlagenen, undefiniert-diffus orientalischen Figuren in “Aladdin”. “Pocahontas” mit seiner indianischen Protagonistin bildet hier allerdings auch kein gelungenes Gegenbeispiel: Durch den erschöpfenden und vordergründigen Einsatz des nur allzu bekannten Topos des “Edlen Wilden” verliert der Film genau die Aussage, die er treffen will, ist dabei aber immerhin noch sympathischer als spätere Verfilmungen derselben Handlung
Dies sind Aspekte, die ich beim Schauen der Filme einfach niemals ganz ausblenden konnte und die daher mein Seherlebnis mitunter stark beeinträchtigten. Kindern mag so etwas noch relativ egal sein, allerdings bin ich schon der Meinung, dass es nie zu früh ist, die richtigen Werte zu vermitteln. Weitere Punkte in dieser Richtung könnte man vorbringen (z.B. dass die Disney-Filme in einer streng heterosexuellen Welt spielen oder dass die absolute Monarchie als Staatsform offenbar klar bevorzugt wird), aber für den Moment will ich es nicht übertreiben.

 

 

Fazit: Doch was verpasst?

Wozu ich mich noch kaum geäußert habe, ist, was eigentlich allen bereits bekannt ist: Ja, die Filme sind vom technischen Standpunkt her auf jeden Fall Meisterwerke, wobei dort im Laufe der zehn Jahre auch eine deutliche Entwicklung festzustellen ist. Ich war streckenweise tief beeindruckt von den optischen Feuerwerken, die mir z.B. “Der König der Löwen” oder “Tarzan” boten. Auch die Synchronsprecher*innen sind durch die Bank großartig (ich habe die Filme auf Englisch gesehen, wurde aber darüber informiert, dass die deutschen Stimmen auch toll sein sollen). Gerade die Bösewicht*innen stechen mit hervorragend ausgewählten Stimmen hervor.
Apropos: Überrascht war ich darüber, wie stark die Qualität der Filme aus meiner Sicht mit ihrem jeweiligen Bösewicht steht und fällt. Viele der Hauptcharaktere sind für sich genommen nicht unbedingt sehr interessant, um nicht zu sagen: Sie sind blass. Arielle verliert während der zweiten Filmhälfte, in der sie stumm ist, nicht besonders stark an Charakter, weil dieser schon vorher nicht besonders aufregend geschrieben gewesen ist. Bösewichtin Ursula ist da einfach sehr viel unterhaltsamer. Gleiches gilt auch für “Der König der Löwen”, wo mir die Hauptfigur Simba durch seinen kaum entwickelten Charakter fast schon unsympathisch wurde. Scar als sein Widersacher ist hingegen in meinen Augen der spannendste Charakter des Films. Weitere gute Bösewichte sind Hades aus “Hercules” und Jafar aus “Aladdin”.

Unter dem Strich (und bei allem Gemecker) möchte ich noch einmal festhalten, dass ich mich streckenweise sehr gut unterhalten gefühlt habe. Mir mag der Nostalgie-Faktor komplett fehlen, aber gute Filme sind gute Filme, egal wie alt man ist! Hat der Zauber nun also gewirkt? Ich würde sagen: Nicht wirklich. Ich bin im falschen Alter, habe einen anderen Geschmack und sehe (wie erwähnt) vieles kritisch. Ich bin aber froh, meine Wissenslücken endlich gestopft und so den Geist aus der Lampe gelassen zu haben. In jedem Fall war es das Erlebnis wert.

Empfehlungen: “Der König der Löwen”, “Mulan”, “Aladdin”, “Hercules”, “Tarzan”

Jakob Töbelmann

Jakob Töbelmann

Langjähriger Münsteraner friesischen Geblüts. Auszubildender zum Mediengestalter Bild & Ton im Bürgerhaus Bennohaus.

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