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Covid19 & die politische Partizipation von Menschen mit Behinderungen

Ein Beitrag des Projekt-Teams von „Politische Partizipation Passgenau!“. Das Projekt befindet sich in Trägerschaft der LAG SELBSTHILFE NRW mit Sitz in Münster.


Die Corona-Pandemie stellt unseren Alltag auf den Kopf und unsere Gesellschaft vor etliche Prüfungen. Und sie bringt uns zum Innehalten und genauer Hinschauen: Wo sind Schwachpunkte und wo die Potentiale. Was uns zum Thema „Politische Partizipation von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen” führt.

Unter den Hashtags #FlattenTheCurve und #WirBleibenZuhause sammeln sich seit den letzten Wochen zahlreiche Beiträge, Fotos und Erfahrungen zum Umgang mit der Corona-Krise. Sie zeugen von Sorgen, Nöten, manchmal auch von Humor, Unverständnis oder Zynismus. Vor allem dienen sie aber auch als Motivator: Wir schaffen das gemeinsam. Dabei geht es für viele Menschen nicht einmal primär um das eigene Risiko. In vielen – ja sogar den allermeisten Fällen in Deutschland – nahm und nimmt die Erkrankung an Covid19 einen sehr milden Verlauf mit schwachen oder keinen Symptomen.

Es gibt aber Menschen, die stark durch das Virus bedroht sind. Menschen ab 50 Jahren etwa, und jene mit gewissen Vorerkrankungen wie Herzkreislauferkrankungen, Diabetes, Erkrankungen der Atemwege oder Krebserkrankungen. Es sind hier besonders die Älteren, die in den letzten Tagen häufig im Zentrum der Betrachtung stehen. Speziell sie gilt es zu schützen. Das ist korrekt aber nicht vollständig, denn es gibt einige Menschen die ebenfalls der Risikogruppe angehören, aber zunächst wenig bis keine Aufmerksamkeit bekommen haben.

Ein kleiner Dekorationsglobus steht auf Bauklötzen. Die Bauklötze sind mit Buchstaben beschriftet. Sie ergeben den Satz "Stop Coronavirus".

„Hi, Wir sind’s. Die Risikogruppe“

Wurde in den ersten Tagen über die Risikogruppe in den Medien gesprochen, wurden Menschen mit Behinderungen oft nicht explizit benannt, obwohl sie zu großen Teilen dazu zählen. Aktivist Raul Krauthausen bringt das Problem mit einem Instagram-Post auf den Punkt. Er schreibt: „Hi, wir sind’s. Die #Risikogruppe. Du hast gedacht wir wären kettenrauchende Todkranke oder zumindest alt? Weit gefehlt. Keiner von uns ist Rentner und wir gehen genauso gerne wie du in Clubs, Bars und auf Konzerte. Worauf wir keinen Bock haben, ist sterben.“ Hier geht es zum gesamten Posting.

Damit stößt er eine kleine Online-Bewegung an, in deren Zuge sich viele Menschen mit sicht- und unsichtbaren Behinderungen und Erkrankungen in den sozialen Netzwerken als Teil der Risikogruppe vorstellen. Positiv ausgedrückt, ließe sich hier feststellen, dass die Corona-Krise auch vielen Sichtbarkeit verleiht, die oft in unserer schnellen, an Optimierungs- und Perfektionierungswahn betroffenen Gesellschaft untergehen. Zynisch könnte man aber auch sagen: Es braucht eine Pandemie, um diese Sichtbarkeit zu schaffen.

Ein Instagrampost von Raul Krauthausen. Auf einer Collage sind mehrere Gesichter von Menschen abgebildet. In der Mitte steht auf einer schwarzen Kachel mit weißer Schrift ein Hashtag plus 'Risikogruppe'. Rechts ist ein Teil des Bildtextes von Raul Krauthausen zu sehen.
„Wir sind’s, die Risikogruppe“ – der Instagrampost von Raul Krauthausen hat viele Menschen motiviert, selbst online Gesicht zu zeigen und ihre Geschichte zu erzählen. (Der Link zum ganzen Post befindet sich im Text)

Mit Bewusstsein lässt sich das Verhalten einer ganzen Gesellschaft ändern

Dass die Krise Nöte und Schwächen in unserem sozialen Gefüge zuspitzt und diese so sichtbarer macht, ist bei all dem Übel, das sie verursacht, auch eine Chance, genauer hinzusehen und ein Bewusstsein für Themen zu entwickeln, die bisher wenig Raum in der öffentlichen Debatte hatten. So wird aus Sichtbarkeit Bewusstsein. Und mit Bewusstsein verändert sich das Verhalten einer Gesellschaft. Der Einblick in die Lebensrealität anderer und der intensive Austausch mit ihnen kann dazu führen, dass wir unser Verhalten hinterfragen und anpassen. Sei es dadurch, dass wir anderen Menschen besser zuhören und verstehen, andere bei unserem Denken und Handeln im Blick behalten und sie unterstützen, wo es gewünscht ist und Zugänge schaffen, wo derzeit noch Barrieren stehen.

Die Corona-Krise zeigt auf einmal: Es geht.

In einigen Bereichen zeigt die Corona-Krise etwas ganz Wesentliches: Zugänglichkeit ist für alle machbar. Leistungen und Kommunikation werden zunehmend digitalisiert: Wir sehen es am Beispiel zahlreicher Lesungen, Konzerte oder Kongresse, die zurzeit virtuell für alle organisiert werden. So sind Kultur- und Bildungsangebote plötzlich auch für viele zugänglich, die bisher hier auf Barrieren gestoßen sind. Das betrifft auch viele Bereiche der Arbeitswelt. Homeoffice, Videokonferenzen, Online-Projektmanagement-Tools – bei einigen kann die Arbeit trotz Corona und ohne den direkten räumlichen Kontakt weitergehen. Und doch sorgt bei den Möglichkeiten, die sich hier auftun, ein Wermutstropfen für einen leicht bitteren Nachgeschmack, denn lange haben sich zahlreiche Menschen mit Behinderungen dafür eingesetzt, Arbeitsmarkt, Kultur und Bildung zugänglicher zu machen. Nun sind alle von der Pandemie betroffen und plötzlich sind Bereitschaft, Mittel und Wege da.

Ein Bildausschnitt von der Website Change.org mit dem Titel: Lieber Jens Spahn,Corona-Infos auch in Gebärdensprache. Darunter ein Bild mit dem Gesicht einer Frau, die eine medizinische Atemschutzmaske trägt. Rechts die Information, dass bereits 28.393 Menschen unterzeichnet haben.
28.939 Menschen haben schon unterschrieben: Mit einer Petition fordert Julia Probst Jens Spahn auf, alle Corona-Infos auch direkt in Gebärdensprache zu vermitteln. Der Link zur Petition befindet sich im Text.

Und was hat das nun mit politischer Partizipation zu tun?

Zum einen wird aktuell Grundlegendes erstritten. Ein Beispiel ist die verlässliche Übersetzung jeglicher Informationen zum Thema Covid19 in Gebärdensprache. Was in anderen Ländern Standard ist, fällt beispielsweise den öffentlich-rechtlichen Sendern hierzulande offenbar noch schwer. So wird etwa bei Pressekonferenzen des Robert Koch-Instituts die Dolmetscherin nicht mit ins Bild genommen. Auch die Bundesregierung beschäftigt, im Gegensatz etwa zum Robert Koch-Institut, keine eigenen Gebärdensprachdolmetscher*innen. Pressestatements und Ansprachen werden in der Regel nur nachträglich online zur Verfügung gestellt. Eine Online-Petition der gehörlosen Politikerin Julia Probst fordert deshalb die Bundesregierung dazu auf, ihren Verpflichtungen nach der UN-Behindertenrechtskonvention nachzukommen und alle Informationen in Echtzeit und vor allem auch im linearen TV in Gebärdensprache zur Verfügung zu stellen.

Neben dem Recht auf das gleiche Informationsangebot, würde ein Standard auch ein wichtiges Signal setzen: nämlich, dass gehörlose Menschen als Teil unserer Gesellschaft ernst genommen werden. Und dass die Kommunikation via Gebärdensprache genauso „normal“ ist, wie die gesprochene Sprache und somit kein alleiniges Thema für Spartensender. Besonders in den sozialen Netzwerken scheinen die aktuell sehr hartnäckigen Forderungen nach barrierefreien Informationen durchzudringen. Regierungssprecher Steffen Seibert verweist via Twitter mittlerweile recht offensiv auf Gebärdensprachübersetzungen der bundespolitischen Inhalte. Auch im Westdeutschen Rundfunk wurde kürzlich in einem Extra zur Corona-Krise noch einmal ausdrücklich auf das eigene Gebärdensprachangebot hingewiesen. Laut sein, ausdauernd auf Missstände hinweisen, sich einmischen – das Beispiel „Informationen in Gebärdensprache“ zeigt aktuell ganz stark: Es wirkt.

Es gilt zu fordern und gute Beispiele zu fördern

Es bewegt sich gerade viel. Neben all der Kritik und all dem, was aktuell noch nicht gut läuft, sammeln sich jetzt in der Krise konkrete Fallbeispiele, die zeigen: So kann es gehen – so kann auch eine inklusive Gesellschaft funktionieren. Aus einem abstrakten „es müssen nur alle irgendwie wollen“ werden konkrete Erfahrungen. Diese gilt es nun festzuhalten, herauszustellen und als Motivation zu nutzen, um während und nach der Krise beharrlich den Abbau von Barrieren und den Aufbau einer inklusiven Struktur zu fordern. Ob dies in der Kommunal-, Landes- oder Bundespolitik, auf Demos oder im Internet geschieht: Das alles ist ein Akt der politischen Partizipation und diese ist wesentlich, um auf ein gesellschaftliches Miteinander hinzuarbeiten und ein gutes Leben für alle zu erreichen.


Weiterführende Links

Barrierefreie Informationen zum Thema Corona/Covid19

Leichte Sprache

Deutsche Gebärdensprache

Thema „Wir sind die Risikogruppe“

Betroffene berichten über ihren Umgang mit Corona

Einrichtungen für Menschen mit Behinderung und Corona

Hilferuf der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege

Spechts Corona-Tagebuch

Gastautor*innen

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