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Schulen in Polen bleiben geschlossen

Polen war eines der ersten Länder, das Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie getroffen hat. War Polen auch eines der ersten Länder, das Erfolge im Kampf gegen das Corona-Virus erzielte? Nein, die Zahl der Fälle ist seit mehreren Wochen auf dem gleichen, recht hohen Niveau. Die Beschränkungen werden zwar schrittweise aufgehoben (trotz nicht sinkender Krankheitsfälle), die meisten Schulen dagegen bleiben aber geschlossen. Wie ein Unterricht in Polen in Pandemiezeiten aussieht und was anders laufen könnte, erklärt uns eine Lehrerin. Wegen des Verbots der Schule sich in der Öffentlichkeit zu äußern, hat sie zum Schutz ihrer Identität um Anonymität gebeten.

Seit wann gehen die Kinder in Polen nicht mehr zur Schule?
Seit dem 12. März.

Wie haben Sie auf die Entscheidung reagiert, die Schulen zu schließen?
Obwohl die Medien seit einigen Tagen nur über das Corona-Virus und dessen Eindämmung sprechen, war dies eine große Überraschung für mich. Informationen über die Schließung bekamen wir alle während des Unterrichts. Es stellte sich schnell heraus, dass die Situation ernst und ungewöhnlich ist.

Haben Sie (die Lehrer*innen) Anweisungen bezüglich Ihrer Arbeit in so einer Ausnahmesituation bekommen?
Nein. In den ersten beiden Tagen wurden Eltern, die keine Kinderbetreuung organisieren konnten, Notbetreuung für ihre Kinder angeboten. Damit alle Lehrer*innen zur Arbeit gehen konnten. Obwohl man zugeben muss, dass nur wenige Kinder da waren. Die Tage danach – das war eine große Ungewissheit. Wir haben alle auf Informationen oder Richtlinien gewartet. In der Schule, in der ich arbeite, haben wir beschlossen, dass die Kinder schon dann Material zum Lernen und Übungen bekommen sollten. Sie wurden über die Schulwebsite an die Schüler*innen weitergeleitet. Es waren ja keine Ferien. Das eigentliche Homeschooling begann erst am 25. März. Das Ministerium für Nationale Bildung gab nur Anweisungen darüber, dass ein solcher Unterricht stattfinden soll und dass der Inhalt des Lehrplans auf diese Weise umgesetzt werden sollte. Es wurden aber keine weiteren Top-Down-Richtlinien angegeben. Die Einzelheiten, wie zum Beispiel die Kommunikation mit den Schüler*innen, mussten die Schulen selbst für sich bestimmen.

Wie führt Ihre Schule den Fernunterricht durch? Gibt es Online-Unterricht bei Ihnen?
In den meisten Schulen werden die Inhalte und Aufgaben für die Schüler*innen über Websites, elektronische Tagebücher oder verschiedene Messenger (Messenger, WhatsApp usw.) bereitgestellt. Der Online-Unterricht findet statt, aber auch nicht überall gleich, und hängt von vielen Faktoren ab.

Viele Lehrer*innen in ganz Europa führen Online-Unterricht nur durch, indem sie den Schüler*innen Lehrmaterialien oder Aufgaben zuschicken. Halten Sie diese Methode für ausreichend und effektiv?
In Polen ist die Situation ähnlich – auch in der Schule, in der ich arbeite. Für uns alle ist es etwas Neues und Ungewöhnliches. Wir tasten uns vorsichtig ran – so kann man das am besten ausdrücken. Ich persönlich halte diese Methode für absolut unzureichend und ineffizient. Das Fehlen eines direkten Kontakts mit den Schüler*innen wirkt sich sehr negativ aus. Ich habe den Kontakt vermisst. Daher entschied ich mich nach einiger Zeit nach anderen Lösungen zu suchen und begann zusätzlich via Skype mit den Schüler*innen zu kommunizieren, wo mehrere Menschen zur gleichen Zeit eine Verbindung herstellen konnten. Ich weiß, dass andere Lehrer*innen auch so damit umgegangen sind, aber sicherlich nicht jede*r. Ich muss aber betonen, dass solch eine Kommunikation schwierig ist, da Kinder – wie sich herausstellt – super Handys haben, dafür aber keine Laptops.

Was ist mit Lehrer*innen, die keinen Computer oder Zugang zum Internet haben?
Ich persönlich kenne solche Fälle nicht. Die Lehrer*innen arbeiten mit ihrer privaten Ausrüstung und nutzen sie jeden Tag sehr intensiv. Wenn ein*e Lehrer*in aber keinen Laptop oder Internet hätte, dann könnte man die Schulausrüstung benutzen, zumindest in der Schule, in der ich arbeite.

Was ist mit Schüler*innen, die keinen Computer oder keinen Internetzugang haben?
Wie ich bereits erwähnte, hat wahrscheinlich jede*r ein Handy mit Internetzugang. Schwieriger ist es allerdings mit Apps und Kommunikationsprogrammen, die zur Kontaktaufnahme verwendet werden können. Es stellte sich heraus, dass der grundlegende E-Mail-Service bereits eine Herausforderung darstellt. Bisher wurden die Handys hauptsächlich für Spiele und möglicherweise für soziale Netzwerke verwendet. Bei Computern stellte sich jedoch heraus, dass viele Kinder keinen haben. Und das war ein ziemlich großes Problem. Die Regierung hat aber für bedürftige Schüler*innen schnell die nötige Ausrüstung finanziert. Je größer die Schule ist, desto größer ist natürlich auch das Ausmaß des Problems und sicherlich erfüllen staatliche Laptops auch nicht alle Anforderungen, aber sie sind zumindest verfügbar.

Wie viele Schüler*innen Ihrer Schule haben finanzielle Unterstützung erhalten und welche Anforderungen mussten sie erfüllen? Wie schnell haben sie die Ausrüstung bekommen?
Ich weiß nicht genau, wie viele Leute in der Schule keine Laptops hatten, weil ich keine Informationen darüber habe. Ich kann allerdings bestätigen, dass es Leute gab, und mit Sicherheit nicht nur in meiner Klasse. Es gab in meiner Klasse drei Schüler*innen von insgesamt 16, die keinen Laptop oder Computer hatten. Familien mit drei oder mehr Kindern konnten einen staatlichen Laptop erhalten. Die Ausrüstung kam nach circa einem Monat, manchmal auch nach anderthalb Monaten (manchmal auch später) nach Beginn des Fernunterrichts bei den Schüler*innen an.

Wird sich die soziale Ausgrenzung solcher Menschen verschlechtern? Wie kann man das verhindern?
Zuerst dachte ich, es könnte ein Problem werden. Ich arbeite in einer kleinen Schule, in der die Umgebung sehr vielfältig ist. Nach einiger Zeit stellte ich mit Überraschung fest: “Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.” Und manchmal ist die Barriere nicht ein Mangel an Ausrüstung, sondern ein Mangel an Bereitschaft, irgendwie aus dieser schwierigen Situation herauszukommen. Unter meinen Schüler*innen gibt es diejenigen, die Zugang zu allem haben und es überhaupt nicht benutzen, weil sie es einfach nicht wollen.

Laut Gazeta Wyborcza (einer der größten polnischen Zeitungen) gibt es allein in Warschau über 600 Schüler*innen, die keinen Kontakt mehr mit der Schule haben (weder das Telefon noch die sozialen Medien oder die Nachbar*innen oder die Sozialdienste können helfen). Wie sieht es in Ihrer Schule aus? Stehen Sie auch vor einem solchen Problem?

Dies ist ein tiefergehendes Problem, das meiner Meinung nach aus vielen Faktoren besteht, einschließlich schwieriger Situation in den Familien. Die Eltern sind oft nicht in der Lage dazu ihr Kind zu beeinflussen, das zuvor Probleme in der Schule hatte (sei es im Verhalten oder die Lernethik). Und die aktuelle Situation (Ausgangsbeschränkung, kein direkter Kontakt mit Gleichaltrigen) vertieft das alles nur. Wie gesagt, ich arbeite in einer kleinen Schule, so dass Fälle von Kontaktlosigkeit schnell mal erkannt werden können. Ich gebe allerdings zu, dass das Kind trotz des Einflusses von Erzieher*innen, Psycholog*innen oder Schulberater*innen immer noch keine erledigten Aufgaben sendet. Das heißt, seine Schul- und Lernverpflichtung nicht erfüllt. Und hier komme ich zu meinen früheren Aussagen zurück – der*die Schüler*in sendet nichts oder kontaktiert uns nicht, nicht weil er oder sie nicht will, sondern weil er oder sie rebelliert, weil es andere Probleme gibt (und vorher bereits gab), wie zum Beispiel nicht mit ihren eigenen Emotionen umgehen zu können. Die Eltern sind dann nicht in der Lage dazu sie zu beeinflussen.

Was passiert, wenn es keinen Kontakt zu Schüler*innen und auch nicht zu den Eltern gibt?
Dann ist die Schule dazu verpflichtet, diese Situation dem Sozialhilfezentrum zu melden, das wiederum meldet dies dem Familiengericht.

Die Schulen in Polen bleiben bis Ende August geschlossen, weshalb die Kinder erst im neuen Schuljahr zurückkehren. Das bedeutet, dass das Sommer-Halbjahr 2020 fast ausschließlich Online-Unterricht umfasste. Werden die Schüler*innen Rückstände aufweisen? Auf welcher Grundlage vergeben Sie Ihre Noten?
Leider wurde diese Entscheidung getroffen. Traditioneller Unterricht findet in diesem Schuljahr nicht mehr statt. Bis zum 26. Juni ist Fernunterricht angesetzt. Ab dem 25. Mai werden erste Kurse und Beratungen für Schüler*innen der achten Klasse durchgeführt, und ab dem 1. Juni auch für die Klassen eins bis sieben. Natürlich liegt es letztendlich an ihnen selbst, ob sie erscheinen. Meiner Meinung nach werden sie “etwas” Rückstand haben. Ich sehe es jetzt auch schon an meinen Schüler*innen. Vielen bisher sehr guten Schüler*innen geht es derzeit im Durchschnitt mittelmäßig. Daher haben viele mit früheren Lernschwierigkeiten jetzt noch größere Schwierigkeiten. Obwohl ich natürlich nicht pauschalisieren kann, denn es gibt auch diejenigen, die sich gut zurechtgefunden haben in der neuen Situation. Das ist aber die Ausnahme. Das Problem sind in erster Linie neue Inhalte, die bisher unbekannt waren und die sie lernen müssen. Wenn ich meine Schüler*innen über Skype treffe, versuche ich Ungenauigkeiten zu erklären, ihnen zu erklären, was sie nicht verstehen, und ihre Fragen zu beantworten. Wir überprüfen die Aufgaben laufend, damit sie wissen, ob sie das neue Material verstanden haben oder die Aufgaben richtig gelöst haben. Das ist aber nur ein kleiner Ersatz für den Unterricht. Nichts kann den Unterricht in einem Klassenraum ersetzen. Während dieser Skype-Meetings vermisse ich ständig das Whiteboard! Wenn es um Noten geht, gebe ich sie auf der Grundlage der Arbeit oder Aufgaben, die ich in Auftrag gegeben habe und die mir die Schüler*innen geschickt haben. Manchmal sehe ich, dass Arbeit nicht selbständig gemacht wird, z. B. aus dem Internet umgeschrieben oder mit Hilfe eines Elternteils erledigt. Ich kenne meine Schüler*innen, also weiß ich, wie sie in der Schule gearbeitet haben und wie sie jetzt arbeiten. Deshalb befrage ich sie manchmal individuell und kommuniziere mit ihnen einzeln, weil ich ihr Wissen beurteilen möchte, nicht das ihrer Eltern.

Wie können sich polnische Schulen auf eine weitere Pandemiewelle oder sogar neue Epidemien vorbereiten?
Meiner Meinung nach sollten sie zunächst darüber nachdenken die Kommunikation mit Schüler*innen mit Hilfe von Messengern zu verbessern, die einen direkten Kontakt ermöglichen, wie zum Beispiel Skype oder Zoom.

Ist das genug? Was halten Sie von E-Learning-Portalen?
Das ist sicherlich nicht genug. Wie gesagt, nichts kann den realen Kontakt ersetzen. Das ist jedoch eine bessere Form, als nur das Senden von Materialien und Aufgaben. E-Learning-Portale bieten ein Ausweg aus einer solchen Situation. Meiner Meinung nach sind sie eine gute Lösung für ältere Schüler*innen, die wissen was sie lernen wollen und vor allem selbstständig lernen WOLLEN! Jüngere Kinder sind sich dessen nicht so bewusst und brauchen Unterstützung, Anleitung und Aufsicht.

Wenn Sie Ihre Arbeit vor und während der Pandemie vergleichen, wann hatten Sie mehr Verantwortung Ihrer Arbeit gegenüber?
Während einer Pandemie gibt es definitiv mehr Arbeit. Der*die Lehrer*in, und besonders in meinem Fall, eine Polnisch-Lehrerin, bereitet sich immer auf den Unterricht vor und hat immer viel Arbeit. Während der Pandemie braucht man viel mehr Zeit zum Überprüfen der Aufgaben. Zuerst müssen wir Nachrichten der Schüler*innen empfangen, speichern (normalerweise sind es Bilder abgeschlossener Aufgaben), dann überprüfen, bewerten und zurückschreiben, um Fehler aufzuzeigen. Eine bloße Bewertung reicht nicht aus. Die Unterrichtsvorbereitung nimmt auch viel mehr Zeit in Anspruch. Ich analysiere Inhalte und Aufgaben und frage mich, ob die Schüler*innen sie lösen können.

Würden Sie sich Sorgen machen, wenn die Schulen in Polen geöffnet werden würden?
Eher nicht, wenn man die aktuelle Situation betrachtet sind fast alle zuvor auferlegten Beschränkungen aufgehoben.

Der polnische Lehrerverband fordert vom Gesundheitsministerium Zugang zu schnellen und kostenlosen Coronavirus-Tests für alle Lehrer*innen. Das Ministerium antwortete, dass nur diejenigen mit Symptomen untersucht werden. Denken Sie, dass das Testen für alle Lehrer*innen eine Voraussetzung für die Eröffnung von Schulen sein sollte?
Es wäre ideal, wenn alle Lehrer*innen untersucht werden könnten. Es ist jedoch schwer zu sagen, ob das Testen für alle Lehrer*innen eine Voraussetzung für die Eröffnung von Schulen sein sollte.

Polen hat viele Maßnahmen früher eingeleitet als Deutschland. Der Abwärtstrend der Infektionszahlen ermöglicht es Deutschland Schritt für Schritt die Schulen zu eröffnen. Bleiben polnische Schulen bis September geschlossen, weil die polnische Regierung vorsichtiger ist, polnische Schulen nicht vorbereitet sind, oder die Gesundheitsversorgung in Polen möglicherweise so schwach ist, dass sie sich keinen Fehler leisten könnte, der zu einem dynamischen Anstieg der Infektionszahlen führen würde?
In Polen sieht es ein bisschen so aus, dass die Schulen zuerst geschlossen wurden und zuletzt wieder geöffnet werden. Es ist wirklich schwer für mich zu sagen, was der genaue Grund ist. Vielleicht liegt es an der Vorsicht. In den Medien wird oft gesagt, dass Kinder das Virus weitergeben können ohne zu merken, dass sie infiziert sind, weil sie die Infektion asymptomatisch übertragen.

Welche Entscheidungen über die Schulbildung während einer Pandemie würden Sie als Gesundheitsministerin angesichts Ihrer Berufserfahrung als Lehrerin treffen?
Vielleicht würde ich die Schulen nicht so schnell schließen.

Und warum?
Die Entscheidung der Regierung kam zu schnell. Nicht alle Institutionen und Familien waren auf Fernunterricht vorbereitet. Zuerst waren die allermeisten verwirrt. Es gab Chaos – Sollten wir Aufgaben vergeben? Oder sollten wir es lassen? Lernen? Nicht lernen? usw. Außerdem war in einigen Regionen Polens das Ausmaß an Infektionen nicht so groß, so dass die Schulen möglicherweise schrittweise geschlossen werden konnten. Erst in größeren Städten, in denen es ein größeres Ausmaß an Infektionen gab, gleichzeitig aber der Zugang zum Internet und zur Ausrüstung bestand. Danach hätten kleinere Städte und Dörfer, in denen es ein kleineres Ausmaß an Infektionen gab, folgen können.

Gibt es etwas, das Sie am Ende anderen Lehrer*innen sagen möchten?
Ich möchte allen viel Geduld und Ausdauer wünschen! Die Situation ist außergewöhnlich, aber da wir bereits so viele Wochen hinter uns haben, in denen wir uns in einer komplett neuen virtuellen Schulrealität befinden, werden wir auch definitiv bis zum Ende des Schuljahres durchhalten!

Vielen Dank für das Gespräch!

Daria Jaranowska

Daria Jaranowska

Journalistin, Projektkoordination und Koordination Bürgermedien im Bennohaus.

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