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Warum ersetzen Untertitel keine Gebärdensprache?

Rund 80.000 Menschen benutzen in Deutschland Gebärdensprache, die meisten von ihnen sind schwerhörig oder gehörlos. Deswegen gibt es nun auch immer mehr Programme im Fernsehen, denen im Sinne der Inklusion und Barrierefreiheit Gebärdendolmetscher*innen zugeschaltet werden können.

Aber wieso reichen denn nicht Untertitel? Wäre das nicht viel einfacher?

Die Debatte um Gebärdensprache und Untertitel im deutschen Fernsehen gelangt immer mal wieder in die Öffentlichkeit. Dabei werden Fragen geäußert, wie “Wieso sollten Gehörlose GEZ-Gebühren zahlen, wenn die Inhalte nicht barrierearm aufbereitet werden?” etc. Hier sind allein drei Gründe, wieso alle Fernsehsender und Streamingdienste Gebärdensprache anbieten sollten:

 1. Viele Gehörlose können komplizierte Sachverhalte in Schriftsprache nur schwer erfassen.

Die durchschnittliche Sprechgeschwindigkeit von 250 Silben pro Minute in reiner Textform zu verstehen, stellt für viele Zuschauer*innen eine Herausforderung dar. Besonders Zuschauer*innen von Kindersendungen wie “Die Sendung mit der Maus” etc. sind meist noch ungeübt im Lesen und haben so keine Chance, die Inhalte auf gleichem Niveau wie Hörende zu verstehen. Vor Allem nicht in der Geschwindigkeit. Auch Menschen mit Dyslexie oder einer Lese-/Rechtschreibstörung haben Schwierigkeiten mit den Untertiteln mitzukommen.

2. Gebärdensprache ist Muttersprache.

Den direktesten und barrierefreisten Zugang zu den Inhalten einer Sendung oder eines Films bietet für die meisten Gehörlosen nur die eigene Sprache – die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Besonders von Geburt an gehörlose oder stark hörgeschädigte Menschen leiden an einem Informationsdefizit, denn nur die DGS kann ihnen volle Kommunikation und Identifikation ermöglichen. Denn im deutschen Fernsehen wird noch lange nicht alles Wichtige in die Gebärdensprache übersetzt. Besonders bei Nachrichtensendungen ist es von Vorteil, wenn dort komplizierte Inhalte statt nur untertitelt, auch in Gebärdensprache übersetzt werden.

3. Untertitel und Gebärdensprache ergänzen sich gegenseitig.

Untertitel ergänzen die Übersetzungen in Gebärdensprache und umgekehrt genauso. Es sprechen schließlich nicht alle Gehörlosen oder Hörgeschädigten die DGS. Ebenso wenig benutzen viele nicht die Funktion der Untertitel. Erst die Kombination aus beiden macht es allen Zuschauer*innen möglich, die Inhalte zu erfassen und im Zuge dessen die DGS- und Schriftsprachfähigkeit zu verbessern. Sendungen und Filme, die nur Untertitel einblenden, geben zudem auch emotional tiefgreifende Szenen nicht situationsgemäß wieder.

Fassen wir also zusammen…

Fast alles, was wir über die Welt wissen, erfahren wir durch die Medien. Alle Menschen, die ausreichend hören und sehen können, haben also gar keine Schwierigkeiten differenzierte Sachverhalte und aktuelle Ereignisse aufzunehmen. Für diejenigen, die auf Gebärdensprache angewiesen sind, gestaltet sich das etwas schwieriger. Nur ausgewählte Fernsehprogramme bieten bis dato Untertitel an, geschweige denn Gebärdensprachdolmetscher*innen.

Wichtig ist es also, dass Streamingdienste und Fernsehsender in Zukunft für jede*n ihrer Zuschauer*innen ihre Inhalte in einer möglichst leicht zugänglichen Kommunikationsform anbieten. Und das ist für 80.000 Deutsche die Kombination aus Gebärdensprache und Untertitel.

Liv Niemann

Hi, ich bin Liv und bin ehemalige Bufdine im Bereich Kulturmanagement.

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