OSTVIERTEL.MS

Von illegaler Einwanderung unter hitzigen Bedingungen

Was soll das?

In der Reihe “Ich tat es für mein Haus” präsentieren euch aktive und ehemalige Mitwirkende des Bennohauses zahlreiche große und kleine Geschichten aus über dreißig Jahren Vereinsgeschichte. Egal ob versehentliches Filmen geheimer Militäreinrichtungen, versehentliche Grenzüberschreitungen, versehentliche Entführungen, versehentliche Tankleerungen oder abenteuerliche Verfolgungsjagden auf dem Bahndamm – freut auch auf ungefilterte Blicke hinter die Kulissen grenzenloser Naivität von Mitwirkenden des bekanntesten Bürgerhauses im Ostviertel Münsters.

 


Am 20. März 2010 machte sich der unaussprechliche Eyjafjallajökull weltweit einen Namen: Sein Ausbruch und die daraus resultierende Aschewolke legten den europäischen Flugverkehr Mitte April für rund eine Woche lahm – und löste dadurch weitreichende Folgen für Reisende des Bennohauses aus…

Im Frühjahr 2010 hatte ich als freier Mitarbeiter gerade mein einjähriges Benno-Jubiläum gefeiert und durfte zur Belohnung an jedem europäischen Projekt teilnehmen, das nicht bei drei abgelehnt worden war.

2010 brachte eine weitere Besonderheit mit sich, war es schließlich jenes Jahr, in dem das Bennohaus seine Projekte wohl gezielt nach möglichst sperrigen Namen auswählte. So durfte ich Mitte April drei wunderschöne Tage im dänischen Hvidovre verbringen, einem kleinen Vorort südwestlich von Kopenhagen, um an einem Entwicklungstreffen für das Projekt „The Violence of Information“ teilzunehmen. Und nur fünf Tage nach meiner Rückkehr nach Münster, so der Plan, sollte es dann nach Bulgarien gehen, um ein zehntägiges Mediencamp im Projekt „Sustainable Development Through the Eyes of Youth“ zu leiten.

Eine Arbeitsgruppe beim Dreh für einen Film zur Nachhaltigkeit von Flugverkehr.

Während sich Eyjafjallajökulls Lavamassen unter Interesse von Wissenschaft und Öffentlichkeit in die Schlucht Hvannárgil ergossen, machte ich mich am 15. April bei dänischen Vorsommertemperaturen auf den Weg zum Flughafen von Kopenhagen. Mangels Smartphones ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass die tags zuvor ausgetretenen Aschewolken meinem und allen anderen Flugplänen einen Strich durch die Rechnung machen würden. Zum Glück ergatterte ich am nächsten Tag ein Zugticket mit Sitzplatzreservierung und trudelte nach 15 Stunden Fahrtzeit (inklusive Bahnhofshallenübernachtung in Padborg und Taxitransfer in Flensburg) schließlich doch noch in Münster ein.


Weil es so schön war, Europa durchs Zugfenster zu bestaunen, gönnten wir uns den Spaß gleich ein weiteres Mal. Unsere Flüge ins bulgarische Warna wurden zugunsten einer Zug- und Busrundfahrt über Österreich, Ungarn und Serbien eingetauscht. Mit dabei: das Team aus Deutschland mit Korby, Anand, Kai und Nathan, der als Syrer in Münster studierte.

Am Nachmittag des 20. April trafen wir nach einer entspannten ICE-Fahrt in Wien ein, vertrieben uns die Zeit mit Wiener-Schnitzel-Essen und Wrestling-T-Shirt-Shoppen und machten uns anschließend auf den Weg zum Busbahnhof. Auch nach fast zehn Jahren, die seit dieser Fahrt vergangen sind, erinnere ich mich noch genau an das Gefühl der tiefschürfenden Langeweile und der unmöglichen Suche nach Schlaf auf ungarischem Stolperasphalt.

In Wien ist die Welt der ahnungslosen Reisetruppe noch in Ordnung.

Es war bereits dunkel, als wir die serbische Grenze erreichten. Mittlerweile waren die meisten Fahrgäste eingeschlafen. Ein serbischer Grenzschützer betrat den Bus und leuchtete mit seiner Taschenlampe in verschlafene Gesichter, um sie auf Ähnlichkeit mit ihrem Ausweisfoto zu prüfen. Als der nette Herr schließlich Nathans Papiere auffällig intensiv studierte, schwante mir Böses. Aufmerksame Leser*innen werden vielleicht schon ahnen, wie hoch die Einreisewahrscheinlichkeit eines Syrers mit Studenten-Schengen-Visum auf einer nächtlichen Bustour nach Serbien ist.

Mitgefangen, mitgehangen – wenige Minute später standen fünf junge Männer mit reichlich Equipment an der serbischen Grenze und posierten in ihrer Verzweiflung für ein Foto neben dem Bus, weil ihnen nichts Besseres einfiel.

Nach mehreren Minuten überwältigender Rat- und Rastlosigkeit kamen schließlich der Busfahrer und der Grenzbeamte auf uns zu, schnappten sich das Gepäck und ließen uns wieder einsteigen. Wir konnten unser Glück kaum fassen: Solange Nathan den Bus in Serbien nicht verlassen würde, durfte er nach Bulgarien reisen! Die anderen Fahrgäste konnten unser Glück ebenfalls kaum fassen und verlangten mehrmals Auskunft über die Höhe der vermeintlichen Bestechungssumme.

Gerne würde ich diese Geschichte an dieser Stelle beenden und das „Wunder von Serbien“ für sich stehen lassen. Doch Nathans Schengenschicksal machte wenige Stunden später auch vor dem bulgarischen Grenzposten nicht Halt. Nach einigen kritischen Blicken seinerseits und überzeugendem Flehen unsererseits gestattete der Grenzbeamte Nathans Einreise unter sehr übersichtlichen Bedingungen: Seine Aufenthaltserlaubnis gelte nur fünf Tage und er solle sich bei absehbar längerem Aufenthalt bei der Polizei melden.

Abendliche Schnittarbeiten unter erschwerten Bedingungen.
DIY-Trickfilmarbeit im fernen Bulgarien.

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In den folgenden neun Tagen verbrachten wir viel Zeit mit den insgesamt zwanzig Teilnehmer*innen aus Kasachstan, Usbekistan, Frankreich, Südafrika, Bulgarien und England. Das „International Management Institute“ in Dobritsch wurde unser Zuhause. Es wurden gemeinsame Filme gedreht, über Nachhaltigkeit diskutiert und – natürlich – auch Warnas Goldstrand besucht.

An keinem dieser Tage suchte Nathan eine Polizeiwache auf.

Sonnenaufgang über Dobritsch. Möglicherweise auch Sonnenuntergang.

Am 30. April machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Der europäische Luftraum wurde mittlerweile wieder fleißig beflogen. Nach dem Check-In trat erste Erleichterung ein: niemand wollte Nathan aufhalten! Auch die Sicherheitskontrolle passierten wir problemlos. Als vor den Gates doch noch eine abschließende Passkontrolle durch einen einzelnen bulgarischen Polizisten vorgenommen wurde, breitete sich abermals dieses seltsame Gefühl in meiner Magengrube aus.

Nathan kam nicht durch.

Wie lange es im Nachhinein dauerte, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen, aber irgendwann war der Zeitpunkt erreicht, als der Flughafenbus hinter dem Gate alle anderen Passagiere aufgenommen hatte. Sie warteten. Sie warteten auf uns und den sich offensichtlich illegal im Land aufhaltenden Nathan.

Ich drückte Korby, Anand und Kai ein wenig Geld in die Hand, um selbst bei Nathan zu bleiben, in der Hoffnung einen späteren Flug nehmen zu können. Eine bulgarische Flugbegleiterin betrieb derweil aufgeregt Konversation mit dem Polizisten. Neben Nathan und mir wartete ein weiterer Reisender, dem die Ausreise ebenfalls verwehrt wurde. „Das machen die immer, weil ich aus Rumänien komme!“

Während ich den Bus dabei beobachtete, wie er sich auf den Weg zum Flugzeug machte, sah ich unsere Chance auf einen Mitflug endgültig davonfahren.

Nathan und ich wurden vom Polizisten herangewunken. Er war bereit, uns ein Angebot zu machen. Wir waren willig, es anzuhören. Wenn wir sofort (umgerechnet) 150 Euro zahlten, könnte Nathan ausreisen – unter der Auflage, sich beim nächsten Betreten des Landes unverzüglich zu stellen.

Wir willigten ein.

(Woher genau ich den passenden Lew-Betrag in bar bei mir hatte, ist eine andere Geschichte.)

Zu viert – die Flugbegleiterin, Nathan, unser rumänischer Mitleidender und ich – stürmten wir auf das Flugfeld, wo bereits ein Bus auf uns wartete. Kurze Zeit später erreichten wir das Flugzeug und machten uns unter dem ohrenbetäubenden Rauschen stummer „Shame, shame!“-Rufe auf den Weg zu unseren Plätzen. Dort entstand, nachdem das Flugzeug dank uns mit über zwanzig Minuten Verspätung gestartet war, übrigens das weltweit einzige Foto, das mich aufgrund einer seltenen Sonnenstellung als blondierten, ungeschminkten J-Pop-Künstler zeigt.

Danke auch dafür, Nathan!

Nach erfolgreicher Flucht im Fluchtflugzeug.

Jan Leye

Chefredakteur und Chefconnaisseur.

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