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Streaming sei Dank – Indische Filme und Serien auf Netflix

Filme, Serien, Konzerte – das alles kann man sich auf unterschiedlichsten Internet-Plattformen in der heutigen Zeit mühelos ansehen. Das Zauberwort hierbei lautet Streaming. Auch abseits von Corona ist Streaming nicht mehr aus dem Alltag der Menschen wegzudenken. Trotzdem haben sich wahrscheinlich in den letzten Wochen der Ausgangsbeschränkungen die Abendunternehmungen ausgeschöpft. Es ist also ein günstiger Zeitpunkt, sich Dingen zu widmen, für die man davor keine Zeit gefunden hat, und vielleicht findet man ja auch Gefallen daran und es entpuppt sich eine neue Leidenschaft.

Nicht mehr nur noch Nischenkino

Spätestens seit den Oscars 2020 wird “Asiatisches Kino” den meisten ein Begriff sein oder zumindest wahrgenommen. Lange Zeit wurden nicht-westliche Filme belächelt, auf rassistische Klischees reduziert oder schlichtweg einfach nicht als gleichwertig empfunden. Natürlich passiert dies heute auch noch massenweise, allerdings haben sich die Zugänge und Sichtweisen zu “andersartigen” Filmen in den letzten zehn Jahren stark gewandelt, und auch der Mainstream-Sektor hat mit den diesjährigen Oscars zu Recht ein Zeichen der Offenheit und Wertschätzung gesetzt.

Auch die indische Film- und Serien-Industrie ist geplagt von kurzsichtigen Vorurteilen und muss sich ständig für vermeintliche Klischees rechtfertigen. “Bunt, kitschig und mit vielen Gesangs- und Tanzeinlagen” sind Assoziationen, die die meisten Menschen nennen, wenn man sie fragt, was sie mit indischem Kino verbinden.

Aus “vermeintlich” wird irgendwann “tatsächlich”

In den 2000er-Jahren war ein regelrechter Bollywood-Boom in Deutschland zu verzeichnen: Der Privatsender RTL2 strahlte damals zur Prime Time einen kommerziellen Bollywood-Film nach “altbekannter” Formel aus und traf damit einen Nerv. Seitdem wuchs die deutsche Fangemeinde der “klassischen” kommerziellen Bollywood-Filme und hat auch heute noch zahlreiche Anhänger*innen. Folglich werden auch heutzutage indische Filme und Serien nach “klassischem Vorbild” produziert, denn es gibt ja eine Zielgruppe, die genau das sehen möchte. 

Doch was macht das mit dem restlichen Teil der Menschen? Die meisten sehen sich dadurch in ihren Klischees und Vorstellungen bestätigt, wollen sich am liebsten nicht mit indischen Filmen oder Serien auseinandersetzen und wissen nicht von der Existenz von inhaltsorientierten indischen Produktionen. Die weltweit größte Filmindustrie wird somit auf Klischees reduziert und unzähligen kommerziellen, aber auch unkommerziellen Filme- und Serienmacher*innen wird die Individualität und Bedeutung ihrer Filme und Serien abgesprochen. Der sowieso schon schwierige Einstieg wird zu einer nahezu unmöglichen Belastungsprobe.

Deshalb werfen wir heute einen Blick auf sehenswerte indische Produktionen, die mit deutschen, englischen oder anderssprachigen Untertiteln auf Netflix erhältlich sind. Natürlich gibt es auch andere Streaming-Plattformen, wie zum Beispiel Amazon Prime oder Zee5, auf denen man hochwertige indische Produktionen findet, jedoch würde das den heutigen Rahmen sprengen. 

Harte indische Realitäten

Wer sich schon mal ansatzweise mit Indien befasst hat, weiß, dass es ein Land der Extreme ist, in dem diverse Lebensrealitäten aufeinanderprallen: Korruption, Rechtsextremismus, Armut oder die Folgen der Teilung von Indien und Pakistan sind feste Bestandteile des Alltags und beeinflussen unmittelbar die Gesellschaft. In dieser Kategorie geht es um zwei Filme und eine Serie, die auf wahren Begebenheiten beruhen: 

Delhi Crime (2019), Dramaserie

Delhi Crime basiert auf einem Vergewaltigungsfall aus dem Jahr 2012, bei dem eine Studentin aus Delhi vergewaltigt worden und ein paar Tage später an den Verletzungen gestorben war. Dieser Fall zog große Proteste im In- und Ausland nach sich, und die Polizei Delhis stand unter großem Druck bei den Ermittlungen. Regisseur Richie Mehta behandelt dabei das sensible Thema mit dem nötigen Respekt. Die Polizei Delhis gewährte ihm sogar Zugang zu mehreren Dokumenten. Sechs Jahre verbrachte Mehta mit der Recherche, bevor er die Serie produzierte. 

Manto (2018), Biopic-Film

Saadat Hasan Manto war ein indisch-pakistanischer Schriftsteller und Drehbuchautor, der fiktionale Werke, oft in Form von Kurzgeschichten, über sozialkritische Themen in Zeiten der Teilung verfasst hat. Regisseurin Nandita Das führt in diesem Biopic das Publikum in das Indien der 40er-Jahre zurück. 

Yeh Ballet (2020), fiktionalisierter Dokumentarfilm

Zwei junge talentierte Männer aus einkommensschwachen Schichten haben große Träume: Sie wollen Ballett-Tänzer werden. Doch in ihrer Realität scheint dies kaum denkbar, bis ein Ballettmeister ihr Potential entdeckt und sie auf ihren weiteren Weg in einer Ballettschule vorbereitet. Manish Chauhan und Achintya Bose spielen im Film eine fiktionalisierte Version ihrer Selbst und überzeugen mit gefühlvollem Schauspiel. 

Sozialkritik wird zum Mainstream

Lange Zeit war es in der indischen Filmwelt üblich, klare Grenzen zwischen kommerziellen indischen Filmen und unkommerziellen Arthouse- oder Independent-Filmen zu erkennen. Doch schon seit geraumer Zeit haben sich Regisseur*innen wie Zoya Akhtar, Anurag Kashyap oder Anubhav Sinha einen Namen im Mainstream-Sektor gemacht und konnten das Unvereinbare auf einmal miteinander kombinieren: Durch ihre inhaltsorientierte Handlung mit starker Botschaft und dem Zugang zu der Masse verschwimmen die Grenzen allmählich. Hinzu kommt, dass die Zielgruppe des indischen Mainstream-Sektors sich in ihren Werten verändert und somit auch ihre Haltung und Erwartung an den indischen Film. 

Udta Punjab (2016), Thriller

Der indische Bundesstaat Punjab hat seine Jugendlichen nicht mehr unter Kontrolle: Der Drogenhandel floriert und schafft einen Haufen Probleme. Udta Punjab begleitet das Schicksal von vier Personen und beleuchtet ihre unterschiedlichen Blickwinkel und Hintergründe des Drogenkonsums. 

Bhavesh Joshi Superhero (2018), Drama/Actionfilm

Drei Freunde wollen ihre Stadt aus den Fängen der Korruption retten. Was mit einem harmlosen YouTube-Kanal beginnt, um sich den Missständen entgegenzusetzen, endet mit dem Tod eines Freundes. Regisseur Vikramaditya Motwane zeigt: Bhavesh Joshi Superhero ist kein Superheld mit Superkräften, sondern durchlebt Krisen und hat den Willen, in einer verbesserten Welt zu leben.

Das Storytelling hat das Sagen

Neben unzähligen indischen Produktionen, die eine große gesamtgesellschaftliche Bedeutung haben, gibt es natürlich auch genug hochwertige indische Filme und Serien, die einfach nur produziert worden sind, um zu unterhalten. Das Medium Film will ja im Kern eine Geschichte erzählen. Das Storytelling steht im Vordergrund, und die Elemente wie Gesangs-oder Tanzeinlagen werden bei folgenden Filmen und Serien hinzugezogen, wenn sie auch die Handlung voranbringen und einen inhaltlichen Mehrwert bieten:

Andhadhun (2018), Krimi-Komödie

Ein blinder Pianist erlebt eine Vielzahl an geheimnisvollen Ereignissen und wird zum Zeugen eines Mordes, den er eigentlich gar nicht hätte wahrnehmen können. Andhadhun war wahrscheinlich einer der erfolgreichsten Filme des Jahres 2018, weil er sowohl das Independent-Filmpublikum als auch das Mainstream-Publikum mit seiner spannenden Erzählweise unterhalten konnte. 

Queen (2013), Komödie

Vom Bräutigam sitzen gelassen – einer der größten Albträume für traditionelle indische Familien. Davon lässt sich Rani (Kangana Ranaut) allerdings nicht allzu lange bedrücken. Sie packt ihre Sachen und fliegt alleine in die Flitterwochen nach Europa. Auf dieser Reise findet sie nicht nur neue Freund*innen, sondern bricht auch mit Stereotypen, mit den indischen Frauen zu kämpfen haben. 

Sacred Games – Der Pate von Bombay (2018), Thrillerserie

Ein gesitteter und ehrlicher Polizist bekommt eines Abends einen mysteriösen Anruf mit einem gefährlichen Hinweis. Mumbai soll innerhalb der nächsten 25 Tage einem Terroranschlag zum Opfer fallen. Daraufhin ist er gewillt, seine Stadt zu retten, und kommt dabei Mumbais Unterwelt auf die Schliche. Mit Anurag Kashyap, Vikramaditya Motwane und ab der zweiten Staffel auch Neeraj Ghaywan vereinen sich starke Regisseure und schaffen eine spannende und eindrucksvolle Serie, die ich nur empfehlen kann. 

 

Wenn man die zweieinhalb Zentimeter hohe Hürde der Untertitel erstmal überwunden hat, kann man so viele weitere erstaunliche Filme kennenlernen

Bong Joon-ho, Oscar-Preisträger 

 

Originalzitat: “Once you overcome the 1-inch tall barrier of subtitles, you will be introduced to so many amazing films”

Bong Joon-ho brachte es auf den Punkt: Es gibt unzählige sehenswerte ausländische Produktionen, die nur darauf warten, wahrgenommen und konsumiert zu werden.

Streaming trägt heutzutage immens dazu bei, wenn es darum geht, einen unkonventionellen Film oder eine unkonventionelle Serie ohne große Produktionsfirma im Rücken zu schaffen und dabei gleichzeitig eine breite Masse anzusprechen.  

Carolin Wart

Auszubildende zur Mediengestalterin Bild und Ton mit Faible für indisches Kino.

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