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Generation Corona – Bitte zieht keine historischen Vergleiche

Ein Kommentar

Letzte Woche, zum Weltkindertag, habe ich es das erste mal im Radio gehört: “Die verlorene Generation” wurde als Bezeichnung für die Kinder und Jugendlichen in der Corona-Pandemie verwendet. Intuitiv konnte ich die Übertragung verstehen. Unsicherheit, Belastung, ein Wegbrechen von Strukturen und Lebensabschnittstraditionen, die für ältere Generationen selbstverständlich waren. Genauso wie für Erwachsene sind auch für Kinder stabile Strukturen sehr wichtig für die psychische und körperliche Gesundheit. Der Austausch mit den anderen Kindern, eine warme Mahlzeit in der Schule. Dazu kommt für Jugendlichen der erschwerte Zugang zur eigenen Peer-Group durch die Corona-Krise, die doch für die Emanzipation vom Elternhaus so bedeutend ist. Es fällt mir wirklich schwer, mir mein eigenes Abitur ohne Abschlussparty vorzustellen. Deswegen: Ich verstehe die Assoziation, wirklich! Dennoch sollten wir uns nicht vorschnell an historischen Begrifflichkeiten bedienen…

Der Begriff der “verlorenen Generation” stammt eigentlich aus der Generationsforschung und bezeichnet Kinder, die zwischen 1883 und 1900 geboren wurden und damit (wenn sie den ersten überlebten) zwei Weltkriege mitbekommen haben. Seinen Ursprung hat der Begriff in den USA, das Konzept der Generationen wird jedoch schon länger auch im europäischen Kontext angewendet. Als verloren galten die Kinder deshalb, weil sie durch die historischen Geschehnisse ihrer Zeit desorientiert und ziellos waren. Anti-Kriegsaktivistin Rosa Luxemburg schrieb über diese Generation:

“The flower of youth and the best manhood of the peoples [had] been mowed down” [dt.: Die Blume der Jugend und der besten Jahre der Menschen wurden niedergemäht.]
(Rosa Luxemburg et al., A Spartacan Manifesto, The Nation, 8 March 1919, pp. 373–374)

In Anbetracht dieses Kontextes stößt es mir dann schon etwas sauer auf, die Generation Z – um bei den Generationsbegriffen zu bleiben – mit den Menschen zu vergleichen, die mehrere Kriege, Verfolgung und Diktaturen miterlebt haben. Auch wenn Menschen und Medien, die den Begriff benutzen, bestimmt nicht in erster Linie intendieren, einen historischen Vergleich anzustellen, sondern eher – zurecht! – auf die strukturelle Benachteiligung von Kindern hinweisen möchten, so passiert der Vergleich dennoch automatisch. Es hilft nicht, dass es nicht so gemeint war.

Das Ziehen von historischen Vergleichen kann nämlich auch instrumentalisiert werden, wie das Beispiel von #janaauskassel uns schmerzlich zeigt. Bei einer Querdenker*innen-Demo in Hannover hatte eine junge Frau auf einem Podium sich eingangs wegen ihres politischen Engagements mit Sophie Scholl verglichen, woraufhin ein Ordner seine Weste abgab, weil er “so einen Schwachsinn” bzw. die “Verharmlosung vom Holocaust” nicht länger unterstützen wollte, wie er danach in dem Video sagt.

Deswegen sollten wir unbedingt einen neuen, eigenen Begriff für die Kinder und Jugendlichen finden, die unter den Maßnahmen der Corona-Pandemie leiden. Damit wir passend und der Situation angemessen reagieren können, statt der Gefahr zu laufen, dass diese Themen unter dem Deckmantel der Kinderinteressen von rechten Strömungen instrumentalisiert werden.

Klar, lassen sich sicherlich Parallelen ziehen, wenn wir die Orientierungslosigkeit, die strukturellen Benachteiligung und die Abwesenheit einer eigenen Lobby betrachten. Ich möchte auch auf keinen Fall die schwierige Situation der Kinder und Jugendlichen in irgendeiner Weise beschönigen. Ich möchte nur dazu anregen, ihre Situation in ihren individuellen Facetten und als historisches Novum zu betrachten, denn keine Zeit und keine Generation ist wie die andere.

Maren Wensing

Ich lache gerne über flache Witze und Kuriositäten des Alltags. Anti-Diskriminierungsthemen und Klimagerechtigkeit sind Pflicht!

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