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Demokratie-Festival ohne Demokratie

Das Berliner Start-Up “einhorn”, welches vegane Kondome herstellt, möchte am 12. Juni 2020 mit dem Projekt “12062020olympia” ein “Demokratie-Festival” auf die Beine stellen. Dabei soll das Olympia-Stadion in Berlin gemietet werden; Ziel sei der Austausch und das Einreichen von Petitionen direkt vor Ort. Unterstützung erhält das Projekt bereits von diversen Promis, Influencer*innen; aber auch von Teilen von Fridays For Future Berlin und der Scientists for Future Gruppe Berlin-Brandenburg. Von Philipp Schröder und Paul Oppermann

Schaut man sich die Beschreibung des Events auf der Crowdfunding-Website von “12062020olympia” an, wirkt das Vorhaben sehr vielversprechend. Die Rede ist von einem “Demokratie-Festival”, das “Wissenschaftler*innen, demokratiefördernden Initiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen eine Bühne geben [soll], um Lösungen für die drängendsten Probleme unserer Zeit gebündelt zu präsentieren und diese z.B. mit Hilfe von Petitionen direkt vor Ort verabschieden [zu können]”. Klingt ja erstmal fantastisch: Demokratie live erlebbar, mit Input von Wissenschaftler*innen (unter anderem Prof. Dr. Volker Quaschning), vielen engagierten Menschen und tollen Inhalten. Doch der Schein von einem Projekt der direkten Demokratie und Teilhabe trügt.

Einmal zahlen, bitte.

Es beginnt alles mit der schieren Dreistigkeit, dass ein Eintrittspreis von 29,95 Euro verlangt wird – für Aktivist*innen von Fridays For Future oder Menschen in Not sicher keine Peanuts. Vor allem aber geht es um ein unfassbares Zeichen: Demokratie und ziviles Engagement soll es nur für Geld geben?

Die Organisator*innen begründen den Eintrittspreis unter anderem mit den sehr hohen Mietkosten des Olympiastadions  – doch bei genauerem Nachdenken entkräftet sich dieses Argument von selbst: Ein riesiges Stadion wird gemietet, um online Petitionen zu unterschreiben? Hier scheinen die Menschen das Internet nicht wirklich verstanden zu haben – oder verstehen zu wollen: Die Kosten für die Miete sollen nämlich nichtsdestotrotz über die Online-Plattform startnext eingesammelt werden.

All das legt den Verdacht nahe, dass es hier weniger um ein ‘demokratisches Projekt’ als um geschicktes Franchising geht – die Sponsor*innen als “Start-Ups der linken Szene” mit Luisa Neubauer als Testimonial. Auch die Firma “einhorn”, die das Projekt maßgeblich tragen soll, sollte nicht unkritisch betrachtet werden. In einer früheren Werbekampagne gaben die Gründer an, “das weltweit erste und nachhaltige Kondom” auf den Markt zu bringen und standen nach einer Klage eines Unternehmens namens Fair Squared vor Gericht. Daraufhin nahm die Firma diese Aussage wieder zurück. Wieso jetzt also ein Unternehmen, was scheinbar mit allen Möglichkeiten versucht, ihre Produkte als besonders und “hip” darzustellen, ein solches ‘Demokratie-Event’ auf die Beine stellen möchte, ist fragwürdig. Die Namen, die unter dem Punkt “Wer steht hinter dem Projekt?” stehen, sind zum größten Teil dem Unternehmen zuzuordnen. Ein Schelm, wer da an Greenwashing und Hyperkapitalismus denkt.

Nazis rein oder raus – das ist hier die Frage

Die endgültige Unglaubwürdigmachung erfolgte in einem Interview mit Philip Siefer, einem Mitinitiator von #12062020olympia, das am 05. Januar 2020 auf dem YouTube-Kanal von Tilo Jung veröffentlicht wurde. Grundlage war, dass die Initiator*innen stets darauf bedacht waren, dass wirklich alle bei ihrer Veranstaltung willkommen sind; Tilo Jung fragte, ob dies auch für Nazis gelte. Antwort: “Ja, wenn die sich konstruktiv an der Lösung der Probleme beteiligen wollen”. Mit Nazis vor Nazikulisse die Demokratie verteidigen – vermutlich wäre es weniger anrüchig, einfach ein Crowdfunding zu starten, dass jeder Mensch in Deutschland Philip Siefer 30 Euro auf sein Konto überweisen solle, für die Demokratie, versteht sich.

Die – zugegebenermaßen etwas provozierte und äußerst unüberlegte – Antwort wurde auch durch eine Stellungnahme nicht weniger schlimm – auch wenn die hitzigen Diskussionen nach dem #Nazigate sicherlich ein amüsantes Spektakel waren. Überwältigendes Ergebnis einer hübsch designten Pressemitteilung für alle “Olympiainteressierte”: “Nazis und Demokratie – das passt niemals zusammen.” Warum für diese intellektuelle Glanzleistung mehrere Tage und ein Shitstorm sondergleichen erforderlich waren, bleibt schleierhaft.

Fete für die Privilegierten

Durch den Eintrittspreis droht die Veranstaltung allein an ihrer Konzeption zu scheitern, gegen den Plutokratievorwurf haben auch die müden Bestrebungen, sogenannte ‘Soli-Tickets’ verkaufen zu wollen, keine Chance: Dass sich Fridays For Future Berlin, Teil der demokratischen Revolution, die Deutschland aufrüttelt, sich mit der Unterstützung des Projekts von einem Stück ihrer Werte verabschiedet, wirft ein schlechtes Licht auf sie – und letztlich auf die ganze Bewegung, da Berlin für viele Medien immer noch synonym zu FFF Deutschland ist: Die Berliner Morgenpost etwa titelt “‘Olympia’ in Berlin? Fridays for Future startet Crowdfunding”. Nachdem es von mehreren Seiten Kritik hagelte, haben die Initiator*innen das Label “beratend” hinzugefügt, was allerdings nicht besonders viel aussagt.

Wer also ernsthaft glaubt, dass sich die Mittelstandssprosse – sicherlich mit guten Absichten – dazu durchringen lassen, für wirklich linke Themen ihre Unterschrift zu geben, sollte nicht vergessen, dass das ganze eine große Werbe-Party bleibt: Panem et circenses, um das Volk vom Tumult abzuhalten.

Demokratie verteidigen – so geht’s!

Dabei ist die Idee, die Demokratie zu verteidigen, echten und kompromisslosen Klimaschutz zu fordern eine wunderbare, ihre Umsetzung so wichtig wie nie zuvor – doch mit #12062020olympia wird das ganz sicher nichts. Fridays For Future hat weiter enormen Zulauf, immer mehr Städte setzen sich ehrgeizige Ziele zur Klimaneutralität bis 2030. Auch der Bund, Europa, die internationale Staatengemeinschaft sollte besser heute als morgen echten Klimaschutz beschließen, um die Klimaziele von Paris einhalten zu können – im Idealfall wird dabei auch das Wirtschaftssystem überdacht.

Foto: CC BY-SA 4.0 – Rebecca Leisten (www.rebecca-leisten.de) via Wikicommons


Update 22.04.2020: In einem Interview erklärt Initiator Philip Siever, dass das Event abgesagt wurde: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-krise-grossveranstaltung-im-berliner-olympiastadion-abgesagt-a-978cdfe4-f89e-4216-b639-714f42ca1e89

Philipp Schröder

Philipp Schröder

Ein Kommentar

  • Fehler: die Scientists for Future unterstützen das Projekt nicht. Hier wird nochmal das gleiche gemacht, was schon mit FFF gemacht wurde. Die Firma Einhorn behauptet das nur. Tatsächlich sind es 15 (!!!) Wissenschaftler einer der Regionalgruppe Berlin/Brandenburg, die es unterstützen. “Die Scientists for Future” sind aber 26.800 Wissenschaftler. Die wurden überhaupt nicht gefragt, ob sie das unterstützen.

    Übrigens ist auch FFF Berlin gespalten. Luisa Neubauer (Mitglied dieser Ortsgruppe) hat das quasi im Alleingang durchgeboxt. Anfangs wurde sogar von ihr so getan, als stünde ganz FFF (700 Ortsgruppen) dahinter. Die wurden aber nie gefragt.

    Hier gibt es einen Instagram-Post mit mehr Infos: https://www.instagram.com/p/B8baTNbo-1k/

Grüße aus dem Flammenmeer

Ob Klimapolitik, Kapitalismus oder Kriegstreiberei – viel Stoff für die Kolumne von Philipp Schröder und Paul Oppermann. Über die Themen, die sie gerade bewegen, schreiben die beiden Schüler in dieser Kolumnenreihe auf ostviertel.ms