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Haribo macht Kinder froh, doch die Tiere ebenso?

Ein Kommentar von Amira El Shoura

Jede*r kennt sie, jede*r isst sie – die Süßigkeiten von Haribo. Ob nun die Goldbären, Phantasia oder Colorado, alle drei Sorten erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch wenn die Sorten sehr vielfältig sind, und für jeden Geschmack etwas dabei ist, gibt es einen Haken: der Großteil der Süßigkeiten enthält Gelatine.

Gelatine ist ein Geliermittel, das aus Tierknochen und tierischem Bindegewebe, meist Schweineschwarte, hergestellt wird. Daher sind die meisten Naschereien von Haribo weder vegetarisch noch vegan.

Quelle: pixabay.com

Haribo hat um die 150 verschiedene Sorten, in nur etwa 20 jedoch ist keine tierische Gelatine enthalten. Das sind gerade mal 13 Prozent des Gesamtangebots!

Von diesen 20 Sorten sind nur circa zehn in Normalgröße im Einzelhandel zu kaufen. Die übrigen Sorten sind nur im Internet erhältlich oder es handelt sich um eine andere Abfüllmenge bzw. Verpackungseinheit.

Zudem bewirbt Haribo auf seiner Website noch einige vegetarische Produkte, die man jedoch nicht einmal im eigenen Onlineshop bestellen kann. Haribo wirbt also sogar mit nicht-verfügbaren vegetarischen Produkten.

Auf diese zweifelhafte Weise versucht Haribo, die Vegetarier*innen und Veganer*innen abzudecken. Mit Produkten, zu denen man keinen Zugang hat.

Ähnlich sieht es auch bei der Warengruppe der Halal-Produkte aus. Haribo ersetzt hier für muslimische Verbraucher*innen die Schweinegelatine durch halale Rindergelatine. 16 halale Sorten sind auf dem Markt, jedoch sind dies keine neuen Sorten, sondern nur Klassiker wie Goldbären, Happy Cola und Phantasia – mit tierischer Gelatine eines anderen Tieres.

Diese Sorten werden in kleineren Tüten hergestellt und im Einzelhandel zu deutlich teureren Preisen verkauft als die Produkte mit Schweinegelatine. Eine 200g-Tüte Happy Cola z.B. kostet 0,95€, während dasselbe Produkt, in der Halal-Version in der kleineren 100g-Tüte 0,99€ kostet. Also: weniger Inhalt, aber zum selben Preis.

Da stellt sich mir die Frage: Warum nicht alle Sorten erst einmal nur mit Rindergelatine herstellen? Gut, hier könnte man anführen, dass alle Hindus somit auf die Produkte verzichten müssten, da Rinder für sie heilig sind und somit nicht verzehrt werden.

Im Jahr 2000 hat Haribo einige koschere Produkte herausgebracht und sie in Israel vertrieben. In Deutschland sind sie nur in speziellen Geschäften und in einem Onlineshop erhältlich. Die koscheren Produkte werden mit Fischgelatine hergestellt und der Verkaufspreis ist dreimal so hoch.

Da wäre doch die einfachste Lösung, ALLE Produkte vegetarisch oder sogar vegan herzustellen, um alle Zielgruppen zufriedenzustellen.

Auf die Anfrage, ob Haribo bald neue vegetarische Produkte oder die Klassiker vegetarisch herstellen würde, ging der Verbraucherservice nicht ein und antwortete stattdessen:

HARIBO bietet schon seit vielen Jahren Produkte an, die ohne tierische Gelatine erzeugt werden. Da das Interesse, insbesondere an vegetarischen Produkten immer größer wird, haben wir uns entschlossen, die in Frage kommenden Produkte, durch eine unabhängige Organisation zertifizieren zu lassen. Dies soll die Orientierung für den Verbraucher deutlich vereinfachen. Der ProVeg Deutschland e.V. hat sich mit seiner allgemein bekannten Kennzeichnung (V-Label) als geeigneter Partner hierfür erwiesen.”

Also ist die Lösung, die Haribo sich überlegt hat, die bereits vegetarischen Produkte mit dem ProVeg-Siegel auszeichnen zu lassen.

Jedoch gehen dem Unternehmen dadurch etwa 20 % der Verbraucher*innen durch die Lappen. Laut ProVeg sind etwa 8 Millionen Deutsche Vegetarier*innen und 1,3 Millionen Veganer*innen. Täglich kommen etwa 2.000 Vegetarier*innen und 200 Veganer*innen hinzu. Außerdem leben in Deutschland auch 4-5 Millionen Muslime.

Das sind 14,3 Millionen Deutsche. Das ist kein kleiner Anteil.

Wenn Haribo davon ausgeht, dass sich vegetarisch oder vegan zu ernähren nur ein Hype ist, der sich nach einigen Jahren wieder legt, dann haben sie sich mächtig geirrt.

Warum also ist Haribo einer Veränderung so abgeneigt?

Da es im Sortiment schon einige Sorten ohne tierische Gelatine gibt, ist ihnen doch zumindest eine Alternative bekannt: Stärke. Und was spricht dagegen, die anderen Alternativen auszuprobieren, wenn es mit Stärke nicht funktionieren sollte? Es gibt noch weitere pflanzliche Alternativen. Als Bespiel: Agar Agar. Dieses Geliermittel wird aus Algen hergestellt und ist dabei geschmacksneutral. Apfelpektin, das man vielleicht aus der Konfitürenherstellung kennt, eignet sich ebenfalls sehr gut für Fruchtgummi. Ich habe selber schon mal Fruchtgummi mit einem Gemisch aus den obengenannten Geliermitteln hergestellt. Wenn ich also zu Hause, als Amateurin, Fruchtgummi herstellen konnte, warum dann nicht auch die Fruchtgummiprofis von Haribo? Die einzige Veränderung, die sich zeigen könnte, wäre, dass die Konsistenz sich verändert und die Produkte weicher oder klebriger werden. Dies schreckt den direkten Marktkonkurrenten Katjes auch nicht davon ab, nur vegetarische Produkte herzustellen.

Sicherlich spielen bei Haribo auch der Profit und die Produktionskosten eine Rolle, jedoch muss man bedenken, dass ein Unternehmen, das 2016 um die 2,8 Milliarden Umsatz machte, dies doch verkraften sollte, zumal sich die Zielgruppe durch die Umstellung auf vegetarische Geliermittel auch vergrößert. Die Einnahmen sollten also steigen.

Haribo ruht sich viel zu sehr auf den Stammkunden aus, was einfach nur arrogant und naiv ist. Niemand isst die Produkte, weil Gelatine enthalten ist. Es geht viel mehr um den Geschmack. Es ist überheblich zu denken, es würde die Stammkund*innen nicht interessieren, woraus die Süßigkeiten hergestellt werden, denn der*die moderne Verbraucher*in von heute ernährt sich bewusst. Auch sie werden sich freuen, wenn sie beim Naschen auf tierische Gelatine verzichten könnten.

Muss Haribo erst immense Verluste machen, um zu realisieren, warum die Umsätze weniger werden, wie es im vergangenen Jahr schon der Fall war? Es liegt sicherlich nicht an falscher Vermarktung der Produkte, wie der Sprecher der Geschäftsführung, Andreas Patz, es behauptete. Es liegt viel mehr daran, dass die Menschen nun bewusster einkaufen und auf die vorhandenen vegetarischen Alternativen zurückgreifen.

„Wir investieren kontinuierlich in die Zukunft, um den sich wandelnden und vielfältigen Verbraucherbedürfnissen entsprechen zu können“, schrieb der Verbraucherservice. Dann würde ich Haribo raten, Worten auch Taten folgen zu lassen.

Amira El Shoura

Amira El Shoura

Kleiner Kampfzwerg mit in vertrautem Umfeld zu großer Klappe

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