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Review: Podcast “The Anthropocene Reviewed”

In Zeiten allgegenwärtiger Nutzerbewertungen und des Kampfs um die Meinungshoheit in allen Lagen des öffentlichen Lebens tut es gut, einmal ironisch Abstand zu nehmen und auch die Dinge zu bewerten, die sich dem Deutungsmuster einer Sterneskala normalerweise entziehen würden. Ein Review über den amerikanischen Podcast “The Anthropocene Reviewed”.

Die Konsumgesellschaft und das Informationszeitalter sind eine fatale Verbindung eingegangen und haben ihr Kind Kunden-Rezension genannt. Bis vor wenigen Jahrzehnten war es noch der jeweiligen Fachpresse vorbehalten, zum Verkaufsstart öffentliche Urteile zu fällen über die aktuelle LP von Michael Jackson, das neueste Modell von Mercedes oder eine Fortsetzung der Abenteuer des Nintendo-Klempners Mario. Rezensionen über Bücher, Filme, Küchenutensilien, Kameras, Werkzeuge, Kosmetika, Nahrungsmittel — kurz: Konsumgüter jeder Art — hatten ihren festen Ort. Fachzeitschriften testeten (nicht immer unabhängig), Verbraucher*innensendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk informierten (nicht immer unterhaltsam) und die Stiftung Warentest war als ultimativer Gradmesser in den Köpfen zementiert (nicht immer zurecht).

Das hat sich gründlich geändert — das Internet macht’s möglich. Unsere Kauf- und Konsumentscheidungen hängen heutzutage nur noch in weit geringerem Maße davon ab, was irgendein*e Fachjournalist*in oder ein Institut zu dem jeweiligen Produkt zu sagen hat. Wir vertrauen auf das Urteil anderer Konsument*innen — unserer Peer Group. Schließlich sitzen sie im selben Boot wie wir, haben für uns aber schon einmal das Wasser getestet. Von ihrer Bewertung können wir abhängig machen, ob wir zu Produkt A oder Produkt B greifen. Das kann Vorteile haben: Privatpersonen sind in der Regel unabhängig; die Summe subjektiver Bewertungen kann uns helfen, zu einer objektiv richtigen Entscheidung zu gelangen; und Ramsch ist schnell als Ramsch erkennbar. Die Kehrseite dieser Medaille besteht aber darin, dass sich nun alle berufen fühlen, ihre Meinung kundzutun, und das Recht einfordern, nach ihrer Meinung gefragt zu werden. Und das nicht unbedingt zurecht: Das Sendungsbewusstsein erhält eine Plattform, und die trügerische Expertise artet bei manchen geradezu in eine Sammelwut aus, die von Seiten wie Amazon auch noch mit dem Titel “Top Rezensent” belohnt wird. Denn auch die Bewertungen können wiederum von anderen Kund*innen bewertet werden. Alles muss bewertet werden! RATE ALL THE THINGS!!

Der Podcast “The Anthropocene Reviewed” des amerikanischen Jugendbuch-Schriftstellers und YouTube-Stars John Green[1] tut genau das: Alles bewerten, was wir Menschen hervorgebracht haben und was wir in irgendeiner Form erfahren und erleben können. Und das geht über Produkte und Konsumgüter weit hinaus: Green rezensiert alles vom Elfmeterschießen bis zur Hirnhautentzündung, vom QWERTY-Tastaturschema bis zum Hotdog-Wettessen und von prähistorischen Höhlenmalereien bis zum Duftaufkleber. Und ironischerweise schreibe ich nun eine Rezension über diesen Podcast.

Den Titel des englischsprachigen Podcasts kann man grob übersetzen mit “Bewertung des menschlichen Zeitalters“. Laut Selbstbeschreibung geht es darum, ‘alle Facetten des auf den Menschen bezogenen Planeten auf einer Skala von einem bis fünf Sternen zu rezensieren’. So lächerlich und parodistisch die Prämisse auch sein mag, die Umsetzung ist sehr viel mehr. Denn wer John Green kennt, weiß, dass er gut im Erzählen ist. Ich (männlich, 37, weitgehend frei von Weltschmerz) würde mich nicht unbedingt zur Zielgruppe seiner Romane zählen, habe aber trotzdem schon ein Tränchen oder zwei darüber vergossen. In seinen Büchern wie auch in allem anderen, was er macht, kommt es nicht nur auf den Plot an, sondern auch darauf, wie er ihn erzählt und wie viel von ihm selbst darin wiederzufinden ist. Und was das betrifft, ist “The Anthropocene Reviewed” eine Fundgrube!

Der Podcast ging im Januar 2018 an den Start, seitdem erscheinen die Folgen monatlich und sind meist etwa 20 Minuten lang. Pro Episode bespricht John Green in der Regel zwei Themen, und zu jedem seiner Diskussionsgegenstände erzählt er die Vorgeschichte und warum er für die Menschen in der einen oder anderen Weise relevant ist. Oft beginnt er seine Erzählungen mit Abschweifungen, kehrt aber jedes Mal zum Kern zurück. Auch eigene Erfahrungen bringt er sehr häufig anekdotenhaft ein, und hierbei erfährt man sehr viel über das Leben und die innerste Gedankenwelt des Autors. Screenshot der Webseite (Stand: 31.03.2020)Mal überwiegt das eine, mal das andere, und oft setzt er einen anderen Fokus, als man es zunächst erwarten würde. In seinem Review über die Pizza Hawaii geht Green zum Beispiel nicht einfach nur der berechtigten Frage nach, ob die Ananas überhaupt etwas auf einer Pizza zu suchen hat — das wäre metaphorisch und buchstäblich low hanging fruit! Stattdessen schildert er die historischen Hintergründe, inwieweit die fruchtige Pizza als der Inbegriff der Globalisierung angesehen werden kann: Sie ist nämlich eine Erfindung eines griechischen Immigranten in Kanada, der sich von der chinesischen Küche inspirieren ließ und eine Frucht aus Südamerika auf ein italienisches Gericht legte und dem Ganzen den Namen Pizza Hawaii gab — nebenbei heutzutage die Lieblingspizza der Australier*innen! In anderen Folgen wird es dagegen sehr persönlich, zum Beispiel wenn Green, der in der Vergangenheit schon offen über seine Depressionen gesprochen hat, von der dunkelsten Zeit seines Lebens berichtet und davon, dass er in dieser Zeit zum ersten Mal den Filmklassiker “Mein Freund Harvey” (OT: “Harvey”; USA, 1950) sah und nach Monaten tiefer Niedergeschlagenheit zum ersten Mal wieder lachen konnte. Häufig habe ich bis zum Abschluss jedes Themas schon vollkommen vergessen, dass es ja darum geht, etwas zu bewerten, so sehr kann man sich in den Anekdoten und Schilderungen verlieren. Doch nach einem Fazit schließt John Green jede seiner Rezensionen pflichtbewusst mit seiner Bewertung ab, zum Beispiel “Ich gebe der Pizza Hawaii zwei Sterne” oder “Ich gebe dem Film ‘Mein Freund Harvey’ viereinhalb Sterne”. Und wenn man als Hörer*in an diesem Punkt angekommen ist, weiß man auch immer sehr genau, warum Greens Bewertung so ausfällt, wie sie ausfällt.

Egal ob persönlich oder sachlich: “The Anthropocene Reviewed” schafft es immer, spannende, Horizonte erweiternde und bewegende Geschichten zu erzählen. Der Produktionsaufwand ist hierbei sehr gering: Abgesehen von minimalem Einsatz von Musik und Geräuscheffekten ist es durchgehend Green, der mit sehr ruhiger, manchmal schon etwas zu monotoner Stimme seine vorab geschriebenen Texte vorträgt. Diese unaufgeregte Art ist dem Format durchaus angemessen, würde von anderen Produzent*innen aber wahrscheinlich sehr viel größer aufgezogen werden. In der überbordenden Welt der Podcasts hat “The Anthropocene Reviewed” seine eigene kleine, quirlige Nische und hätte es wahrscheinlich sehr schwer, eine größere Hörer*innenschaft zu gewinnen, wäre der Erfinder nicht John Green, der den allermeisten davon bereits vorher bekannt gewesen sein dürfte. “The Anthropocene Reviewed” ist klug, emotional, gut recherchiert und ausgezeichnet geschrieben. Eine Empfehlung für alle, die schon einmal Schere, Stein, Papier gespielt und sich gefragt haben, wie hoch dafür wohl eine Bewertung ausfallen würde.

Ich gebe “The Anthropocene Reviewed” vier Sterne.


Link zum Podcast: https://www.wnycstudios.org/podcasts/anthropocene-reviewed

Zitierte Episoden:

[1] John Green (*1977) ist ein amerikanischer Schriftsteller und Content Creator auf YouTube. Zu seinen erfolgreichsten Büchern gehören “Eine wie Alaska” (OT: “Looking for Alaska”; 2005) und “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” (OT: “The Fault In Our Stars”; 2012). Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Hank betreibt Green seit 2007 erfolgreich die Videoblog-Reihe Vlogbrothers auf YouTube (Motto: “Don’t Forget To Be Awesome”) sowie zahlreiche weitere Projekte, die aus diesem Kanal hervorgegangen sind. Mehr…

Jakob Töbelmann

Jakob Töbelmann

Langjähriger Münsteraner friesischen Geblüts. Auszubildender zum Mediengestalter Bild & Ton im Bürgerhaus Bennohaus.

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