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“Kein Feuer kann brennen so heiß”

Der neue Krimi “Kein Feuer kann brennen so heiß” von Ingrid Noll beschäftigt sich mit der Einfachheit des Lebens, die schnell auch trügerisch werden kann. Trotz der üblichen Noll’schen Kuriosität kann der Krimi leider seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden.

“Kein Feuer, keine Kohle / kann brennen so heiß, / als heimliche Liebe, / von der niemand nichts weiß”. Lorina, wohlwollend “Lori” und abschätzig “Plumplori” genannt, ist von Beruf Altenpflegerin und landet in der Villa von der gelähmten Frau Alsfelder, um dort ihre beruflichen Aufgaben zu verrichten und sie im Alltag zu unterstützen. Lorina ist kein besonderer Männerschwarm, kann aber anpacken und ist keineswegs dumm. Nur mit der Liebe verläuft es bei ihr dann doch etwas holprig und sperrig, was aber nichts macht, denn eine umfängliche Unterstützung ihrer Chefin ist ihr sicher – komme, was wolle.

Und das tut es auch. In die trügerische Harmonie eines leichten Lebens, in einem Balkonzimmer der Villa und das Verrichten alltäglicher Pflegearbeiten, die sie sicher nicht überlasten, kommt der Masseur Boris und zieht Lorina in ihren Bann. Reichlich unerfahren ist sie zwar mit der Liebe, aber er umschwärmt sie mit liebevollen Gesang, der auch die Dame des Hauses verzückt. Ordentlichen Schwung in das sonst trostlose Leben der Hauptfigur bringt auch ihre Familie und der Großneffe von Frau Alsfelder – ein übler Erbschleicher, wie er auch schon im Klappentext angekündigt wird.

Es scheint so, als hätte Ingrid Noll es wieder einmal geschafft, eine leichte und humorvolle Lektüre zu kreieren und sich trotz ihrer umfangreichen Bibliographie nicht selbst aufzugeben. Aber das scheint langsam zu trüben, ist die Geschichte doch selbst einfach keine richtige Noll-Krimigeschichte mehr. Vergleichenderweise mit anderen Geschichten wie “Der Hahn ist tot” oder “Goldschatz” lässt “Kein Feuer kann brennen so heiß” irgendwie das Unkonventionelle missen, vielleicht auch sogar das Unerhörte, was eigentlich in ihren Büchern kaum fehlen darf.

Sicherlich ist die Figur von Lori in der üblichen Skurrilität dennoch spannend, auch der Freiraum, der den Leser*innen trotz der Ich-Perspektive geboten wird, ist durchaus spannend und positiv. Der Krimi wirkt aber dennoch irgendwie gekünstelt und zwanghaft, es fehlt an der gewissen Prise Schrecklichkeit und der eigenen Eigenart, welche Nolls Krimis von anderen wesentlich absetzt. Die Habsucht, manchmal der Liebe, manchmal nach materiellen Dingen und dadurch auch die vollkommene moralische Verfallenheit ausgedrückt durch Mordlust kommt weniger zur Geltung als es bei anderen Büchern von ihr der Fall ist.

Die Autorin hat aber sicherlich eines erreicht, was man kaum abweisen kann: Unterhaltung. Durch den speziellen Schreibstil, der die Leser*innen in den Bann der Geschichte zieht, schafft sie es dennoch, dem tristen Leben in der aktuellen Zeit etwas entgegen zu setzen. Da kann man ihr auch verzeihen, dass dieses Buch leider nicht ihr bestes ist – zu leicht, zu einfach und zu harmonisch ist es. Der hohe Anspruch beim Lesen eines Buches von Ingrid Noll wurde leider mit diesem Buch verwässert.

Ingrid Noll: Kein Feuer kann brennen so heiß. Diogenes 2021. 304 Seiten, 24 Euro.

Philipp Schröder

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