OSTVIERTEL.MS

Jana

Woche 3

Hinweis: Allen Tagebuchschreiber*innen wurde in dieser Woche ein Fragebogen zur Seite gestellt, den sie entweder direkt beantworten oder in ihren Texten einpflegen konnten.

Da ist sie: Woche Nummer drei. Die Woche, in der es plötzlich kälter ist, als den ganzen Winter über. Nach dem morgendlichen Lüften sitze ich mit Decke an meinem Schreibtisch, damit ich nicht erfriere – die Zimmertemperatur ist in nur zehn Minuten von circa 20 Grad auf 14 abgesunken. Ich freue mich weiter auf den Sommer.

Wahrscheinlich ist nicht einmal die Hälfte der Social-Distancing-Zeit um, aber ich habe schon jetzt keine Lust mehr darauf. In meinem Arbeitsalltag unterscheidet sich eigentlich gar nicht so viel – Ich stehe früh auf und gehe auch nicht überaus spät ins Bett, sitze am Schreibtisch statt auf der Couch, aber trotzdem beschleicht mich viel öfter das Gefühl von Langeweile. Vielleicht auch, weil es mir fehlt, zwischendurch mit meinen Kolleg*innen zu reden, durchs Bennohaus zu laufen und unterwegs ganz verschiedene Leute zu treffen. Der Hauptbestandteil im Homeoffice ist eben doch anders: man ist viel allein.

Was ich sonst gar nicht von mir gedacht hätte: mir fehlt das Fahrradfahren. Sonst war ich genervt, wenn ich jeden Tag aufs Neue mein Fahrrad aus dem Keller schleppen musste, jeden Tag derselbe Weg zum Bennohaus und wieder zurück. Momentan fände ich es gar nicht schlecht, vielleicht baue ich so etwas in meine tägliche Routine ein…

Momentan habe ich das Gefühl, dass die Menschen verhältnismäßig entspannt sind. Klar, manche wirken beim Einkaufen ein wenig gestresst beim Ausweichen, aber Panik habe ich noch nicht erlebt – im Gegensatz zu anderen.

Wenn ich an die erste Woche zurückdenke, fallen einige Veränderungen schon eher auf. War man noch vor knapp zwei Wochen die Außenseiterin, weil man an der Kasse versucht hat, den Sicherheitsabstand einzuhalten und Informationsschilder oder Markierungen schlichtweg nicht vorhanden waren, haben die Geschäfte mittlerweile professionell gedruckte Aufkleber überall auf dem Boden, Stellwände an den Kassen und Plexiglas schützt die Kassierer*innen.

Viel mehr Menschen tragen einen Mundschutz, mancherorts ist es sogar Pflicht. Da diese Mangelware jedoch fast überall ausverkauft ist, gibt es auch praktische Behelfslösungen.

Zwar schützen mich die Masken nicht, aber ich schütze andere und wenn jede*r eine Maske trägt, wäre dadurch auch jede*r besser geschützt.

Gar nicht schlecht – ich glaube, natürlich ohne ärztliches Fachwissen, dass das Tragen von Masken eine Menge zur Eindämmung des Virus beitragen kann.

Bei allem Meckern und Unzufriedensein über die aktuelle Situation, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt oder ich einfach mit der ganzen Familie und Freunden Zeit verbringen möchte: ich kann mich verdammt glücklich schätzen. Ich lebe in einem Land, dem ich durchaus zutraue, die Krise früher oder später in den Griff zu bekommen, andere haben da weniger Glück.

Ich bin nicht selbstständig, ich kann weiter von Zuhause aus arbeiten, ohne mich in Gefahr begeben zu müssen, ich bekomme weiter mein Geld und kann (mit der Unterstützung meiner Eltern) weiter meine Miete bezahlen. Und das wichtigste: meine Familie, meine Freunde und ich sind gesund.

Natürlich habe ich manchmal Angst. Angst davor, dass meine Familie das Virus bekommt, weil sie teilweise zur Risikogruppe gehört. Angst davor, dass unsere Wirtschaft zusammenbricht und alles anders wird, als ich es mir vorgestellt habe.

Aber ich denke auch daran, dass die Nachrichten nur noch aus Corona bestehen, dass jeder nur noch an Corona denkt und dabei anderes vergisst.

Durch die Corona-Krise sind die Menschen näher zusammengerückt (hoffentlich nur im übertragenen Sinne), es gibt viele Zeichen von Solidarität und Hilfsbereitschaft überall. Vielleicht ist jetzt auch ein guter Zeitpunkt, auch die armen Menschen, die nichts haben, in diesen Zusammenhalt miteinzubeziehen.

Mein Fazit bleibt ähnlich wie auch in den vergangenen Wochen: ich warte nur darauf, dass sich die ganze Welt wieder normalisiert. Und vielleicht ist sie danach auch ein Stück besser als vorher.


Woche 2

Auf geht‘s in die zweite Woche Homeoffice!

Was hat sich bisher verändert? Es gibt zwar eine Kontaktsperre, aber noch keine Ausgangssperre. Toilettenpapier gibt es auch nicht. Und Nudeln… na ja, kommt darauf an, wie viel Glück man hat.

Traurig aber wahr: in der zweiten Woche hat sich schon alles recht gut eingependelt, so dass ich das Gefühl habe, ich wäre schon seit Wochen zu Hause. Der Arbeitsalltag hat mich wieder eingeholt und ich sitze an meinem Stand-PC, statt an meinem Laptop und bleibe dort auch meistens, abgesehen von der Mittagspause.

Apropos Essen: die neu gewonnene Zeit nutze ich endlich dafür, das Mikrowellenessen zu streichen und dafür vermeintlich aufwendigere Gerichte zu kochen.

Auf dem Speiseplan diese Woche standen Gemüselasagne, Wraps, Kartoffelwedges, Pizza und Nudelauflauf.

Und siehe da: dauert alles gar nicht so lange, auch nicht, wenn man alles selbst macht. Durch Corona lege ich mir tatsächlich neue Gewohnheiten zu, die gar nicht zu verachten sind.

Weil diese Woche anstand, eine neue Formatidee zu entwickeln, schaue ich mich auf dem Spielplatz um (auch lange her, seit ich zuletzt einen betreten habe) und drehe ein paar Schnittbilder. Auch hier fällt auf: es sind Schilder aufgestellt worden, mehr als genug an allen Spielgeräten und Bänken, damit auch der Letzte versteht: die Nutzung der Spielgeräte ist untersagt. Das hält zwar ein Kind nicht davon ab, im Sandkasten zu buddeln, aber sonst ist trotz des schönen Wetters weit und breit niemand zu sehen.

Langsam macht sich bei mir der Frust über die ganze Sache breit: Den ganzen Winter hatte ich damit verbracht, mich auf den Sommer oder zumindest den Beginn von etwas wärmeren Temperaturen zu freuen und auf alles, was damit verbunden ist. Oder wäre. Jetzt kann man zwar auf der Terrasse sitzen, aber weder Eiscafés haben geöffnet, noch könnte ich, selbst wenn dem nicht so wäre, mit meinen Freunden dorthin gehen.

Da ich weder über Netflix, noch Amazon Prime oder Abos anderer Streaminganbieter verfüge, ist Serien gucken auch nicht drin, abgesehen davon, dass das sowieso nicht so mein Ding ist – sorry an alle Serienjunkies. Achja, ich zahle ja noch GEZ…

Fürs Erste schaffe ich es, die Langeweile zu besiegen, beschäftigen kann man sich ja sowieso immer, trotzdem bleibt mein Fazit gleich: Ich weiß, ich wiederhole mich, aber Menschen persönlich zu treffen finde ich viel schöner, als nur ihre Stimme zu hören. Und ich freue mich auch schon wieder auf die wuselige Stadt: oft bin ich genervt, wenn die Menschen vor mir in der Fußgängerzone viel zu langsam laufen, aber jetzt fände ich es einfach schön, wenn draußen alles etwas lebendiger wäre.


Woche 1

Tag eins

…im Homeoffice. Eigentlich ja gar nicht so schlecht, fast wie Urlaub. So ein wegfallender Arbeitsweg spart ja auch Zeit und im Schlafanzug am Laptop zu sitzen hat ja auch sein Gutes.

Aber so auf Dauer?

Abends wage ich dann doch einmal einen Schritt nach draußen, in die Welt, die gerade unterzugehen scheint, wenn man sich so manchen „Bericht“ einer nicht allzu seriösen Quelle anschaut… Zum Glück habe ich kein Ibuprofen genommen.

Unterschiede zu sonst bemerke ich auf den ersten Blick nicht; abgesehen von der Tatsache, dass man vor dem Aldi – im Gegensatz zu sonst – sofort einen Parkplatz ergattert. Drinnen merke ich schon – ich bin ein bisschen aufmerksamer, mache einen Bogen um die Frau vor dem Schokoladenregal und drehe mich um, als ein Mann den Laden betritt und als erstes einmal niesen muss (wohlgemerkt nicht in seine Armbeuge, na toll).

Auch das sinnlose Stöbern in Angeboten (von „super, ein Beistelltisch, nehme ich mit“ bis zu „vielleicht findet diese bereits geöffnete Keramikpommesschale ja noch einen Platz“) fällt dann wohl heute einmal weg. Auch nicht so schade für meinen Geldbeutel.

Später muss ich dann selbst zweimal niesen. Oh oh.

Tag zwei

Wir machen eine virtuelle Teamsitzung über Discord. Es dauert zwar etwas länger, bis alle versammelt sind, weil die Technik nicht immer so funktioniert, wie man es gerne hätte, aber eigentlich ist alles wie immer.

Ich bemerke wieder einmal die Vorteile, die das Zuhause-Arbeiten hat. Bei dem schönen Wetter seine Zeit auch draußen auf der Terrasse zu verbringen ist doch super. Abgesehen davon, dass mein Laptop-Bildschirm im Sonnenschein nicht allzu optimal ist. Es sei denn, man möchte gar nicht sehen, was man da eigentlich macht. Also doch wieder rein.

Tag drei

Woohoo, der Frühling ist da. Das denkt sich auch gefühlt jeder Zweite aus meinem Wohngebiet. Als ich beschließe, eine Runde nach draußen zu gehen, damit mir nicht die Decke auf den Kopf fällt, begegne ich ungefähr zehn Mal so vielen Leuten auf der Straße, wie um diese Zeit ohne Corona (sonst sind es ungefähr… gar keine). Auffallend viele, aber warum sollte man auch seine neu gewonnene Freizeit nicht so nutzen?

Damit man nicht krank wird und auch niemanden ansteckt. Ich weiß. Ich versuche zumindest Abstand zu halten, auch wenn man auf dem Dorf eventuell schräg angeschaut wird, wenn man kurz den Bürgersteig verlässt, wenn einem der nette ältere Herr entgegen kommt, der einen sonst „freundlich“ darauf aufmerksam macht, es hieße nicht Hallo, sondern Guten Tag. Okay, naja, ich bin nicht die von uns beiden, die der Risikogruppe angehört.

Jetzt fahre ich erstmal wieder zurück nach Münster, mal gucken wie es da ist. Der Zug ist jedenfalls fast leer – Gott sei Dank.

Tag vier

Der Tag beginnt mit einem Zahnarzttermin. Ich versuche, die Klinke herunter zu drücken, ohne meine Hände zu benutzen – klappt aber leider nicht. Immerhin scheint die Praxis noch etwas sehr Wertvolles erstanden zu haben, quasi pures Gold: Desinfektionsmittel.

Ich setze mich ins Wartezimmer und stelle fest: ich bin tatsächlich die Einzige. Auch gut, so wenig Zeit habe ich, glaube ich jedenfalls, in meinem ganzen Leben noch nicht beim Arzt verbracht. Auf dem Rückweg durch die fast ausgestorbene Innenstadt frage ich mich, wie die Leute es bei so viel Platz schaffen, trotzdem so nah an einem vorbeizulaufen. Selbst als ich ausweiche, scheinen sie extra den Meter neu gewonnenen Platz auszunutzen und weiter in meine Richtung zu gehen. Wenn das so weiter geht, kommt vielleicht doch die Ausgangssperre.

Am Abend helfe ich beim Gottesdienst-Livestream und übernehme eine Kamera. Zwischendurch kommen wir sogar auf über 80 Zuschauer. Das sind auf jeden Fall mehr Leute als in einer normalen Messe, freut sich ein ehemaliger Messdiener. Andererseits erfahre ich später vom Pastor, dass sich bei den Menschen zu Hause eine kleine Gruppe vor dem Bildschirm versammelt hat. Klar, gerade unter den Kirchengängern hat vermutlich nicht jeder Zugang zum Internet, aber das Ziel verfehlt die Aktion dann schon etwas. Trotzdem sind wir zufrieden, im Großen und Ganzen hat ja alles gut geklappt.

Tag fünf

Die erste Woche im Homeoffice neigt sich dem Ende zu. Mein vorläufiges Fazit: vieles ist genauso wie immer – seien es die eigenen Aufgaben oder Teamsitzungen. Manches ist vielleicht komplizierter, zum Beispiel Absprachen, ohne dass man sich persönlich sieht, aber letztendlich alles eine Sache der Gewohnheit. Pro- und Contra-Liste hin oder her – ich freue mich, wenn ich das ganze Bennohaus-Team wieder von Angesicht zu Angesicht treffen kann.